Salontischchen von Architekt Max Benirschke.
So ist das Gartenhaus eingerichtet. Aber auch vom Stadthause hat man keinen anderen Eindruck. Nichts deutet auf einen vornehmen reichen Besitzer. Die Studierstube, in der er seine unsterblichen Werke schuf, würde heute nur Wenigen genügen, die sich zum Mittelstande rechnen; für »standesgemäß« würde sie niemand halten. Alles darin ist zur Arbeit bestimmt, zum Lesen, Schreiben oder Experimentieren; kein Sopha, kein bequemer Stuhl, keine Gardinen, sondern nur einfachste dunkle Rouleaux. Auch an den Büchern ist keine Pracht, seine gesammelten Werke sind auf das schlichteste eingebunden, er nahm ja auch seine berühmtesten Dramen oder Gedichte jahrzehntelang nicht wieder in die Hand. Nur ein Möbel hatte Goethe in dieser Stube, das wir nicht kennen — ein kleines Korbgestell, das sein Taschentuch aufnahm. Und auf dem Tische lag ein Lederkissen, auf das er die Arme legte, wenn er dem gegenübersitzenden Schreiber diktierte....« Zu Eckermann äußerte Goethe einmal: »Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will weiter nichts. Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich untätig und faul. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.« Und ein andermal sagte der Achzigjährige: »Sie sehen in meinem Zimmer kein Sopha, ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen anspruchsvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen passiven Zustand.« Einen Schmuck besaß die einfache Studierstube aber doch, den höchsten und herrlichsten zugleich, der alle Dürftigkeit überglänzte: Goethes Geist, der in diesem Raume schuf.
Entwürfe für ein Damenzimmer und ein Herrenzimmer
von Arch. Max Benirschke.
Salonschrank von Architekt Max Benirschke.
Damensalon von Arch. Franz Exler.
Ein Zusammenhang zwischen Junggesellenwohnung und Herrenzimmer ist durch den Umstand gegeben, daß auch das letztere Wohn- und Arbeitsraum oder auch Salon des Hausherrn ist, wie der Name »Herrenzimmer« überdies schon sagt. Es kommt im Hauswesen dort vor, wo die Hausfrau entweder ihren »Damensalon« oder ihr »Boudoir« hat, oder wo man aus Ökonomie auf den »Salon« überhaupt verzichtet und das eine zu erübrigende Gesellschaftszimmer vorzugsweise auf die Bedürfnisse des Hausherrn hin zurechtmacht. Massive, dunkel gebeizte oder polierte Möbel mit einfachen blanken Beschlägen finden sich darin, ein großer Bücherschrank, ein entsprechender Arbeits- oder Schreibtisch, große gepolsterte Sitzmöbel mit grauem oder braunem Lederüberzug, alles ernst und einfach und von der gewissen Vornehmheit, die in der Gediegenheit überhaupt liegt. Ist der Hausherr Waffensammler, so findet sich ein Waffenschrank vor, überhaupt Möbel, die seinen besonderen Liebhabereien oder Berufszwecken dienen. In einfachen Rahmen hängen Bilder oder Stiche, manche kühne Modernität, »le Nu au Salon«, warum nicht? Ein Tropfen Pikanterie vermengt sich mit dem Duft schwerer Zigarren. So findet man es häufig. Aber das dominierende, ehrfurchteinflößende Möbel ist der große Schreibtisch. An ihn werden heute die persönlichsten Anforderungen gestellt, nicht weniger als an den guten Sessel. Hier hat eine gute Tradition mitgearbeitet. Aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts sind große, sorgfältig erdachte Schreibtische überliefert, große Diplomatenschreibtische mit verschließbarem Pultdeckel, einfach geistreich kombiniert, dem amerikanischen roll desk nicht unähnlich, ferner eine Unzahl verschiedenartiger Damensekretäre mit zahlreichen Fächern und durchaus verschließbar, als ein glänzendes Zeichen einer geistig ungeheuer regsamen Zeit. Man schrieb fleißig Tagebücher, unterhielt mit allen Zeitgenossen regen, brieflichen Verkehr. Auch der Schreibtisch von damals bildet gewissermaßen ein menschliches Dokument. Was so ein verwittertes Möbel nicht für Geheimnisse verbirgt, und was so einem Kasten für anmutige Rätsel abzulesen sind, diesen Läden, die einst vollgestopft waren mit Gedichten, Liebesbriefen, Prozessen und Romanzen, schweren Locken und anderen Liebeszeichen, gleich einem Riesensarg, der mehr Tote enthielt als mancher Gräberhain. Sentimentalitäten, nicht wahr? Aber ein Persönlichkeitszug ging durch die Dinge des Hausrats, das wollte festgestellt sein. Und einen Persönlichkeitszug will man den Dingen heute wieder geben. Der Schreibtisch sollte seinem Besitzer angemessen sein wie ein Kleid. Konstruktiv besitzt der amerikanische verschließbare Schreibtisch viele Vorteile, für das Privatzimmer ist er aber allzu bureaumäßig. Im Halbkreis geht die Tischplatte um den Sitzenden, auch die äußersten Enden in den Bereich seiner Hände rückend. Van de Velde’s Schreibtisch, der diese Form aufwies, war eine Sensation.