Das Studium alter Kulturen hat uns gelehrt, daß je erhabener die Kunst, desto größer die Einfachheit war. Wenn wir wollen, daß die Kunst ihren Ausgangspunkt in dem Hause nehme, dann müssen wir aus unseren Häusern alle überflüssigen und störenden Gegenstände fortnehmen, den sogenannten Luxus, den Komfort, der in Wirklichkeit gar kein Komfort ist, weil er nur unnötige Plage macht und für nichts gut und nützlich ist. Der wirklichen Gebrauchsgegenstände sind verhältnismäßig wenige. Wenden wir uns einmal an die kleinste Wohnung, die von einer alleinstehenden Person bewohnt wird, an das sogenannte Junggesellenheim, so finden wir in der Regel ein einziges Zimmer, in dem geschlafen und gearbeitet wird, wobei eine Arbeit vorausgesetzt ist, die nicht viel Unordnung verursacht. Wir finden darin einen Bücherschrank, der eine Menge Bücher enthält, ein Bett, das mit weißen weichen Leinenvorhängen, die mit Aufnäharbeit versehen, abnehmbar und waschbar sind, verschlossen ist, und bei Tag, wenn die Vorhänge, die in metallenen Ringen laufen, zurückgezogen sind, als Divan benützt werden kann. Das Nachtkästchen, wie ein einfaches Schränkchen gebaut, dient bei Tag als Bücherablage, als Ständer für Vasen und Rauchzeug. Dann ein Tisch, der sicher steht, um daran zu schreiben oder zu arbeiten. Mehrere Stühle, die sich leicht von einem Ort an den anderen bringen lassen, ein Kleiderschrank mit Schubkästen für Wäsche und derlei, und solche Bilder und Stiche, als es die Mittel erlauben, ja keine Lückenbüßer, sondern wirkliche Kunstwerke, was heute unschwer für wenig Geld zu haben ist; auch eine oder zwei Vasen gehören hieher, um Blumen hineinzutun, namentlich wenn man in einer Stadt lebt. Ein Ofen gehört natürlich ins Zimmer, aber man zieht einen kleinen Gaskamin vor, der, artig von einem Holzgehäuse umgeben, an seinem Bord allerlei, Gegenstände der Kleinkunst aufzunehmen geeignet ist.
Schrank von Arch. Max Benirschke.
Weiter ist nichts nötig, besonders wenn der Fußboden gut ist. Wenn dies nicht der Fall ist, so würde ein kleiner Teppich, der in zwei Minuten zur Reinigung aus dem Zimmer geschafft werden kann, gute Dienste leisten; doch müßte dafür gesorgt sein, daß er schön ist, sonst würde er schrecklich stören.
Schrank von Arch. Max Benirschke.
Das ist rein alles, was wir in unserem Junggesellenheim brauchen, wenn wir nicht musikalisch sind und ein Klavier haben müssen (in Bezug auf deren Schönheit wir übel daran sind), und wir können nur sehr wenig zu diesen notwendigen Dingen hinzufügen, wenn wir nicht sowohl beim Arbeiten wie beim Nachdenken und Ausruhen gestört sein wollen. Wenn diese Dinge für die geringsten Kosten, für die sie gut und dauerhaft ausgeführt werden können, hergestellt würden, würden sie nicht viel Auslagen verursachen, und sie sind so wenig, daß die, welche die Mittel haben, sie überhaupt anzuschaffen, sich auch bemühen könnten, sie gut ausgeführt und schön anzuschaffen, und alle die, denen die Kunst am Herzen liegt, sollten sich sehr bemühen, dies zu tun, und dafür sorgen, daß keine Scheinkunst sie umgibt, nichts, dessen Herstellung oder Verkauf einen Menschen herabgewürdigt hat. »Und ich bin fest überzeugt, daß, wenn alle, denen die Kunst am Herzen liegt, sich dieser Mühe unterzögen, dies einen großen Eindruck auf das Publikum machen würde.« Mit diesen Worten entwirft der englische Kunstgewerbler und Dichter William Morris, der als Apostel der neuen und eigentlich uralten Glaubenssätze allerortens eine sich täglich mehrende Gemeinde hat, einen solchen einfachen Raum und sagt: »Diese Einfachheit können Sie andererseits so kostbar herstellen wie Sie wollen oder können; Sie können Ihre Wände mit gewirkten Tapeten behängen, statt sie zu weißen oder mit Papiertapeten zu bekleben; oder Sie können sie mit Mosaikarbeiten verdecken, oder auch durch einen großen Maler Freskomalerei darauf anbringen lassen — all dies ist nicht Luxus, wenn es um der Schönheit willen und nicht zum Zwecke der Schaustellung geschieht.« Das kann man der Liebhaberei des Bestellers überlassen. Im allgemeinen wird die größte Einfachheit auch hier das Zweckdienlichste sein. Es gibt allerdings Leute, die sich ein prächtiges Studio einrichten und darin allen erdenklichen Luxus anhäufen, um sich Stimmung zur Arbeit zu machen. Sicher ist, daß in solchen Studios kaum jemals ernstlich studiert wird. Wer ernst arbeitet, weiß, das man im Arbeitszimmer nicht Zerstreuung braucht, sondern Sammlung. Hier soll aber die größte Einfachheit walten. Man kann auf das Beispiel Goethes hinweisen, das sich in diesem Zusammenhang einstellt. Den meisten Besuchern Weimars einst und jetzt dürfte die Schlichtheit seines Arbeitszimmers unliebsam aufgefallen sein, und man hört oft Äußerungen der Verwunderung darüber, daß einem so großen Geiste die Dürftigkeit des Raumes genügen mochte. Herr Dr. W. Bode spricht in seinem Buche: »Goethes Lebenskunst« darüber aus: »Wir sind nicht wenig erstaunt, wenn wir das Häuschen betreten, das sieben Jahre hindurch dem Busenfreunde des Landesherrn, dem weithin berühmten Dichter des »Werther« und »Götz«, das einzige Heim war. So bescheiden hätten wir es uns doch nicht vorgestellt. Unten ist gar kein bewohnbares Zimmer, höchstens kann man einen Raum, an dessen Wände Pläne von Rom hängen, im Sommer wegen seiner Kühle schätzen; oben sind drei Stuben und ein Kabinettchen, alle klein und niedrig, mit bescheidenen Fensterchen und schlichten Möbeln; zuerst ein Empfangszimmer mit harten steifen Stühlen, dann das Arbeitszimmer mit kleinem Schreibtisch, daranschließend ein Bücherzimmer und zuletzt das Schlafzimmer, in dem noch die Bettstelle steht, die zusammengeklappt und so als Koffer auf die Reise mitgenommen wurde...
Rauchtisch von Architekt Franz Messner.