Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.

Heute ist das Kunstgewissen weiterer Kreise wieder empfänglicher geworden. Man lächelt über die Geschmacklosigkeiten unserer jüngsten Vergangenheit. Man sagt sich wieder, das plastische Kunstwerk muß sich in den Raum einordnen, soll an bedeutsamer Stelle steh’n, einen Augenruhepunkt bilden und dem prüfenden Blick standhalten können. Nachbildungen von räumlich größeren Kunstwerken sind durchaus verwerflich. Größere plastische Werke haben im Wohnraum nicht Platz, sie fallen aus dem Rahmen, sie stören die Harmonie empfindlich, wenn sie mit der räumlichen Umgebung nicht im Einklang stehen. Die Kleinplastik nahm in den letzten Jahren einen großen Aufschwung. Sie liefert den plastischen Schmuck unserer Wohnung, wofern es nicht auch eine gute Porträtplastik sein kann. Aber was die Bazare an kleinplastischem Schmuck liefern, ist selten von künstlerischem Wert, meist nur süßliche allgefällige Publikumsware. Man gewöhnt sich also schon allmählich daran, zum Künstler selbst zu gehen, wie es in den besten Kunstjahren war. Man braucht den Zwischenhändler nicht, der ja niemals künstlerische Interessen, sondern nur Handelsinteressen hat, oft zum Schaden des guten Geschmackes. Der Bevormundung durch den unwissenden Verkäufer, der den ärgsten Plunder unter dem Schlagwort »Modern« oder »Sezzessionistisch« den Kunden aufschwatzt, hat sich das deutsche Publikum noch nicht zu entziehen gewußt. Irgend ein einzelner Gegenstand ohne Kunstwert, in irgend einem Laden gekauft, kostet meistens ebensoviel, als ein kleines Originalwerk im Atelier. Die Segnungen einer solchen Kunstfreude würden nicht lange ausbleiben und ihr erster Erfolg wäre der, daß Leute, die nicht in der Lage sind, solche Kunstsachen zu besitzen, den häßlichen Plunder der Bazare, der fälschlich für Wohnungsschmuck ausgegeben wird, lieber nicht aufstellen, und wenigstens durch diese Enthaltsamkeit die erfreulichen Zeichen eines gesunden Geschmackes geben, anstatt durch lächerliche Surrogate das peinliche Gefühl wachzurufen, daß das Gewollte doch ganz anders sein müßte.

Schreibmappe mit Lederschnitt von Fräulein Trethahn.

Salonschrank von Arch. Max Benirschke.


Junggesellenheim u. Herrenzimmer.