Schreibkasten, geschl., v. Prof Kolo Moser.

Schreibkasten, offen, von Prof. Kolo Moser.


Schlafzimmer u. Bad.

Was für die Vorfahren das Schlafzimmer bedeutete, davon können wir uns nach den heutigen Wohnungszuständen keinen rechten Begriff machen. Das Schlafzimmer galt so ziemlich als der Hauptraum des Hauses. Es sah aus wie ein Thronsaal. Das mächtige Bett, zu dem seitlich Stufen emporführten und das baldachinartig überwölbt war, stand, mit dem Kopfende an der Wand, mitten im Raum. Im Zeitalter der Gothik und der Renaissance gab die Kunst ihren Segen dazu, wundervolle Schnitzereien finden sich selbst an den Betten bürgerlicher Häuser vor. Im siebzehnten Jahrhundert vollzieht sich ein guter Teil des gesellschaftlichen Lebens im Schlafzimmer. Es ist Toilettenzimmer, Wohnraum, Empfangsraum, Speisezimmer, sogar Küche, wenigstens für die leichteren Speisen. Die Französin hatte ihr Paradebett, sie empfieng den großen Besuch im Bette liegend oder sich ankleidend. Der Barockstil hat darum auch keine anderen Möbel ausgebildet, als das Himmelbett, den Schreibtisch, der nach unten zu Wäscheschrank ist, und oben als Glasschrank Thee- und Kaffeeservice enthält, das Sopha und die gepolsterten Stühle und das alles in Formen, die für unser heutiges wahres Sein unverwendbar geworden sind. Sie gehören der Historie an. Zur Zeit des Empire, um 1800, glich das Schlafzimmer einem Tempel. Die Antike hatte es allen angetan. Man wollte frei sein von der Überlieferung und geriet unversehens in die ärgste Sklaverei. Das Schlafzimmer sollte nicht wie ein Schlafzimmer aussehen. Menschliche Notwendigkeiten galten als durchaus unästhetisch. Es war die Zeit der Götterpose. Das Bett fand häufig in einem Alkoven Platz, dessen Front ein griechisches Tempelfries trug oder es war reich und kunstvoll drapiert. Sinnreiche Symbole deuteten an, daß hier Aphroditens geweihte Stätte sei. Das Nachtkästchen erhielt die Form eines Opferstockes. Der Waschtisch war als Altar der Reinigung gleichfalls als Opferstätte charakterisiert. Der praktisch bürgerliche Sinn der Biedermeierzeit vertrug diesen ästhetischen Ballast nicht. Er reduzierte die Formen auf das konstruktiv Notwendige, schuf sie nach seinen leiblichen Bedürfnissen um. Könige sind damals Bürger geworden, sie entflohen der Ungemütlichkeit der Schlösser und dem Druck der Repräsentation, um sich in der »Eremitage« wieder menschlich zu fühlen. Heute möchte der kleine Bürger wie ein König leben. Der Möbelspekulant ist der große Hexenmeister, der alle Illusionen geben kann. Alle Stilarten liefert er, die Gothik, die Renaissance, Barock, Rokoko, Empire. Nicht um das Sein handelt es sich, sondern um den Schein. Die Möbel sind darnach. Die Nutzräume treten zurück. Das Schlafzimmer ist die letzte, erbärmlichste Kammer. Mein Gott, die kleine Wohnung erlaubt es nicht anders! Und überhaupt! In’s Schlafzimmer kommt niemand hinein!

Schreibkasten von Johanna Hollmann.

Arbeitszimmer (Bureau) einer Dame mit modernem Gobelin von Arch. Karl Witzmann.