Toilette v. Arch. Georg Winkler.

Toilette von Arch. Georg Winkler.

Auch die Kinderstube ist ein Spiegelbild ihrer Zeit. Eine Welt für sich, die aber ihren Inhalt aus dem großen Leben empfängt und jeden Kulturwandel mitmacht. Der Naturalismus der letzten Jahrzehnte hat auch in dieser kleinen Welt ein Echo gefunden und in der Spielzeug-Manufaktur jenen konsequenten Wirklichkeitssinn erzeugt, der wohl den Verstand nährt, aber das Herz leer läßt. Puppen werden erzeugt von panoptikumartiger Wirklichkeitstreue, den Babies zum Verwechseln ähnlich, »stilgerechte« Steinbaukästen, Spielschiffe und Eisenbahnen mit kompliziertem Betrieb, die ein getreues Modell dieser Verkehrseinrichtungen darstellen. Wir leben ja im Zeitalter der Technik, so mag der künftige Ingenieur schon in der Kinderstube sein Talent an solchen Modellen nähren. Das ist die Meinung so mancher Eltern, die bei der Geburt des Kindes schon seinen Beruf vorbestimmen und den Fachmann bilden wollen, ehe sie den Menschen gebildet haben. Von den Großen wird das Spielzeug gewählt, anstatt von den Kleinen. Aber was das sentimentale Kindlichkeitsgefühl der Großen gutheißt, billigt nicht immer der naive Sinn der Kleinen. Diese armen Kinder der Reichen! In eine Kinderstubenwelt werden sie gestellt, die fertig ist und ausgebaut und die nichts übrig läßt zu vollenden. Und nun heißt es: spiele! Spielen um des Spielens willen? Für das Kind ist das Spiel notwendige Arbeit, daran es seine Kräfte übt und entwickelt. In dieser fertigen Welt beginnt die Arbeit mit dem Zertrümmern. Zertrümmern, um neu aufzubauen. Um wie viel reicher sind oft die Kinder der Armen! Ein Stück Holz wird zur Puppe, von der kleinen Mutter sorgfältig in armselige Lappen gehüllt und aufs zärtlichste betreut. Mit der Sorge wächst die Liebe. Man sage der Kleinen nicht, das ist keine Puppe, das ist nur ein Stück Holz! Wo gewöhnliche Augen nur ein Stück Holz sehen, da hat die kindliche Phantasie bereits ein Wunder bewirkt. An dem selbsterschaffenen beseelten Gegenstand übt das junge Herz seine Fähigkeiten. Und dieser Gegenstand hat alle Bedeutung, die es hineinlegt. Er ist das rechte Spielzeug geworden.

Bad von Arch. Leopold Bauer.

Die Jungen auf dem Dorfe kennen den Steinbaukasten und seine zwei bis drei Gestaltungsmöglichkeiten nicht. Sie kennen nur den Lehmhügel am Bach und den Sandhaufen, die der Baulust keine Grenze setzen. Hier hat es der Formsinn leicht. Brücken entstehen, Wälle, Befestigung, Minen, Werke der augenblicklichen Eingebung, die im nächsten Augenblicke wieder anderen weichen. Immer ist es kurzweilig und zweckvoll. Der willige Baustoff fügt sich jeder Regung des Schaffenstriebes. Und die ungestörte Phantasie bevölkert alle diese Bauten, die Gruben und Löcher, mit spukhaften Geheimnissen. Es ist die Zeit, da das Märchen zur Wirklichkeit wird, die Wirklichkeit zum Märchen. Das Spielzeug verhält sich zu den Dingen des Alltags wie das Märchen zur Wirklichkeit. In beiden ist die reale Welt vorgebildet, aber zugleich auf die einfachsten, sinnfälligsten Elemente reduziert. Die gemeine Logik reicht gar nicht aus, um diese Elemente zu würdigen. Man müßte denn die Welt mit den Augen des Kindes ansehen, naiv, voraussetzungslos sagen wir künstlerisch. In diesem Betrachte ist auch das Spielzeug künstlerisches Neuland. Es erfordert einfach organisierte Seelen, wie es der Toymaker Caleb Plummer und seine blinde Tochter in Dickens »Heimchen am Herde« sind. Solche Seelen wissen, daß eine Reihe von Sardinenbüchsen, mit einem Bindfaden zusammengehalten, dem Volk der Kleinen eine bessere Illusion von einem Eisenbahnzug gibt, als das technisch vollkommenste Modell. In unseren Straßen gehen arme Slovaken herum mit billigem Spielzeug, das sie selbst aus Holz schneiden, nach ihrer eigenen unverbildeten, kindlichen Anschauung. Der blasierte Großstädter kann diesen Dingen keinen Reiz abgewinnen, er sagt, »es ist nichts d’ran«. Es ist allerdings nichts d’ran, als eine entzückende Naivität, eine überraschende Kindlichkeit, die uns Großen abgeht. Die Kleinen haben wohl ein anderes Urteil darüber, und wie mich dünkt, ein weit richtigeres. Nehmen wir ihnen doch nicht schon von der Kinderstube an jene Kindlichkeit, die ihr gutes Recht ist, ihre Kraft und Schönheit. Sie zu hüten und für das Leben zu bewahren, ist ein wichtiger Teil der Erziehung. Und im Dienste dieser Erziehung steht das Spielzeug. Ferdinand Andri hat den immerhin interessanten Versuch gemacht, Spielzeugtypen grotesker Art zu schaffen, die an den primitiven Charakter der besprochenen alten volkstümlichen Spielsachen anknüpfen.

Bad von Arch. Max Benirschke.