Und nicht nur der Persönlichkeit, sondern auch ihrer Zeit. Was die Ideale, Wünsche und Hoffnungen der Gegenwart sind, kann und soll man ja auch an diesem Ort verspüren. Die Zeiten sind jedenfalls vorbei, wo die Mädchenerziehung kein anderes Ziel kannte, als unter die Haube zu kommen. Nichtsdestoweniger ist es sehr erfreulich, wenn sich im heutigen Mädchenzimmer auch ein Kochbuch vorfindet. Die genaue Kenntnis des Hauswesens auf Grund eigener Betätigung ist auch für jede gebildete Dame eine selbstverständliche Voraussetzung. Die Vorbereitung auf irgend einen selbständigen Beruf und auf das Leben, das draußen harrt, soll unter allen Umständen auch der Entwicklung häuslicher Tugenden Raum gewähren. Was immer die Zukunft erheischen möge, das Leben dürfte in diesen Raum nichts hereintragen, was irgendwie geschmackswidrig, schmutzig und anstößig ist. Man muß nicht hausbacken und prüde sein, aber man muß in allen Fällen auf seelische Hygiene bedacht sein, sowohl im Umgang mit Menschen, als mit Büchern und Dingen. Im allgemeinen dürfte das Mädchenzimmer in allen Verhältnissen den oben geschilderten Charakter empfangen, bald einfacher, bald reicher ausgestattet, je nach den persönlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten. Seine besondere Prägung wird es natürlich von dem Geiste erhalten, der darin haust. Die Wohnungspsychologie kann nicht leicht Fehlschlüsse ziehen. Man wird es auf den ersten Blick erkennen, ob die Inwohnerin Kunstgewerblerin, Beamtin oder Studentin ist. Die Individualität soll ja in den Dingen der Häuslichkeit am stärksten sprechen. Reinheit und Nettigkeit machen hier, wie überall den Hauptschmuck aus. Die Grazien werden sicherlich auch das Gemach erfüllen, wenn sie die Inwohnerin mit ihren Gaben beglückt haben, was natürlich nicht zu bezweifeln ist. Wenn auch die junge Dame ein angehendes »Fräulein Doktor« ist, braucht ihre Stube nicht auszusehen wie eine Studentenbude. Es ist eine bedenkliche Atmosphäre, wo Parfum mit Zigarettenqualm vermischt ist.
Mädchenzimmer von Arch. Maurice Herrgesell.
Blumen am Fenster.
Die Hausgärten sind aus unserer Stadt ziemlich verschwunden. Der Utilitarismus der Bauunternehmer hat nicht bedacht, daß die Naturfreude mit zu den täglichen Lebensbedürfnissen der Stadtmenschen zählt. In dem Maße aber, als Garten und Feld zurückwichen und die Natur den ungastlichen Mauern entfloh, erwuchs in der Trostlosigkeit dieser Steinwüste eine seltsame, bleiche Stubenpflanze, die Natursehnsucht, die recht eigentlich ein Großstadtprodukt ist. Und zugleich ein wichtiger Faktor der Kultur. Wie tief diese Sehnsucht wurzelt, kann man an Sonn- und Feiertagen sehen, wenn die Menge »aus der Straßen quetschender Enge« ins Freie drängt, wenn sie an Waldungen und Feldrainen Blumen errafft, um sie in die traurigen Stuben zu stellen, wo sie sterbend noch einen Abglanz von Sonnenfreude und Sommerlust verbreiten. Wenn es irgend ein Vollkommenes gibt, so ist es gewiß das schöne, stille Sein der Pflanze und die Reinheit ihres Lebens. Und was die Menschen für das Feinste ansehen, ist ihre Schönheit und ihr Duft. Sie wirkt mit der Kraft eines Symbols. Ein einziger Zweig ins Zimmer gebracht, und ein ganzer Frühling ist zu Gast!
Kassette von Arch. Max Benirschke.