Mit einem vor freudigbangen Erwartungen zitternden Herzen wohnte ich bei Konstanz dem "Concilium am Säubach" bei, sah den großen Reformator, hörte ihn, fand denselben sehr unbedeutend; sein College Dowiat kam mir als "anmaßender Schwung", mancher Deutschkatholik, der seit Jahren nicht einmal mehr die Augustinerkirche betreten hatte und jetzt gar andächtig mit gefalteten Händen zum Tische des Herrn Ronge ging, als ein Reinecke Fuchs vor—Heuchelei habe ich von jeher tödtlich gehaßt, meine Opposition gegen den Deutschkatholizismus war entschieden.

Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden und würde auch sittlich völlig verkommen sein, wenn ich ein minder ernstes Temperament, mehr Geld und vor allem weniger Ehrgeiz gehabt hätte.

Aller positiven Religion baar und ledig, in der letzten Zeit von Spinoza begeistert, kam ich nach Heidelberg. Der katholischen Kirche und deren Lebensäußerungen stand ich gegenüber wie ein junger, unerfahrener Reisender den Ruinen des Riesentempels von Karnak mit seinen unheimlichen Säulen und der wunderlich besternten lasurblauen Decke, der ein befremdendes Geräusch vernimmt, den Einsturz einer alten Säule, das Hervorbrechen eines dummwüthigen Raubthieres oder das Heranwinden einer giftigen jesuitischen Viper befürchtet.

In Heidelberg studirte ich unter Beihülfe der Hochschullehrer Schlosser, Häußer, Kortüm, Gervinus und Hagen namentlich Geschichte und diesen großentheils hochberühmten und mit Recht gefeierten Männern verdanke ich hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Bildung sehr Vieles; der ausgezeichnete Philolog und unübertreffliche Menschenfreund Hofrath Bähr trug durch sein edles Benehmen gegen mich dazu noch bei, daß mein wankender Glaube an die Menschheit nicht vollends zertrümmerte.

Ich wußte Manches, vielleicht Vieles und die innere Leere sagte mir doch, daß ich nichts wüßte, nichts wäre als ein überflüssiges Atom in der Schöpfung, nichts besäße als ein gequältes Herz, dessen Sehnen ich damals noch nicht recht verstand. Es war eine trübe Zeit, ich arbeitete Tag und Nacht oft genug in der Absicht, mich durch Arbeiten aufzureiben.

Ich war geborner Katholik und kannte Christum nicht.

Ich suchte Prinzipien, leitende Fäden der Geschichte der Menschheit und der Einzelnen und solches Streben trug wohl Vieles zu einer eigenthümlichen Auffassung der geschichtlichen Vorträge gelehrter und geistvoller Protestanten bei.

Jetzt erst erschloß sich mir die großartige Weltanschauung der mittelalterlichen Kirche und ich lernte die staunenswürdigen Leistungen derselben für die barbarischen Völker Europas kennen, welche sich aus dem argen Wirrwarr der Völkerwanderung allmählig und langsam zu reinern, bessern, mildern Zuständen und nationaler Gliederung emporarbeiteten; die ewige Fehde zwischen Kaiser und Papst ward mir verständlich als der Doppelweg, auf welchem die Menschheit ihrer Bestimmung entgegenreiset und an dessen Ende feindliche Brüder mit versöhnter Liebe sich in die Arme sinken, während ihr gemeinsamer Vater den ewigen neuen Bund segnet; die Fehde zwischen Kaiser und Papst erschien mir als Kampf der Zeit mit der Ewigkeit, des Staates mit der Kirche und lös'te [löste] sich allmählig immer mehr in den Kampf zwischen Subjectivität und Autorität auf, in welchem wir noch befangen sind.

Der fast übermenschlich hohe Character einzelner Päpste erregte meine Bewunderung, die trostlosesten Zeiten der Kirche machten mich stutzig, weil nur ein Gott, ein persönlicher Gott, der für mich zum "großen Unbekannten" geworden, diese Kirche bei der gränzenlosen Verkommenheit der Menschen zu retten vermochte. Die feine, weitschauende und weltbewegende Politik des äußerlich so unscheinbaren und oft so schwer bedrängten römischen Hofes überzeugte mich, dieser Hof sei vor allen andern Höfen des Erdballs zu allen Zeiten an Genies und Characteren der reichste gewesen. Gleichzeitig mit Luther gewann der Jesuitenorden gerade wegen seiner tief begründeten und unversöhnlichen Feindschaft gegen das Prinzip der Subjectivität, wenn nicht meine Liebe, doch meine unwillkührliche Achtung und die Schilderung des bürgerlichen und politischen Lebens während des Mittelalters, des allmähligen Werdens und Wachsens der altrömischen und englischen Verfassungen war schon durch die redende Macht der Thatsachen sehr geeignet, mich gegen die bestehenden Zustände arg einzunehmen, wenn auch die Jahre 1846 und 1847 ohne alle politische Bewegung im Leben geblieben sein würden.

Letzteres war bekanntlich nicht der Fall; die Bewegung der Zeit gährte gewaltig, selbst in der Studentenwelt, welche alle Phasen der kommenden Revolutionsjahre thatsächlich anticipirte, während ich selbst bald ganz unabhängig von den Hörsälen, von der Oberrheinischen Zeitung und der Rundschau zu Struves Volksführer, von diesem zur Mannheimer Abendzeitung und rasch zu Heinzens diabolischen witzigen Pamphleten innerlich fortgaloppirte.