Soviel von meinen Erfahrungen, soviel auch von meinem äußeren Leben. Was meine innere Geschichte betrifft, die mit der äußern im engsten Zusammenhange steht, so will und muß ich hier nur den hauptsächlichsten Moment, nämlich den religiösen berühren, um über meinen Standtpunkt keinen Zweifel mehr übrig zu lassen.
Geborner Katholik genoß ich als Kind eine strengkatholische Erziehung, doch schon im Knabenalter verlor sich der naive Glaube des Kindes zunächst in einem äußerlichen Gebahren, dann in Mangel an Verständniß der katholischen Religion, welcher in den Jünglingsjahren zur Gleichgültigkeit gegen alle positive Religion, endlich zur Verachtung derselben und zum Hasse gegen die eigene Kirche sich steigerte. Schicksale und Staatsschulen verbanden sich mit dem in mir liegenden und unruhig werdenden Keime des Bösen, um mir zuerst den lebendigen, dann den unlebendigen Glauben an Christum den Gottessohn zu rauben und endlich an die Stelle dieser allein beseligenden Wahrheit einen wechselnden Mischmasch der beweglichen Weisheit unserer Zeit zu setzen.
Ich beklagte den ungeheuern Verlust nicht, weil ich ihn nicht kannte und die Größe aller Folgen desselben so wenig als viele andere Jugendgenossen zu bemessen vermochte. Ich glaube während meiner ganzen Studienzeit kaum Einmal recht vorbereitet zur Beichte und würdig zum Tische des Herrn gegangen zu sein.
Nicht als ob die Vorbereitungsschulen zur Universität mich durch das Lesen klassischer Schriftsteller mit Vorliebe, bewußter Vorliebe für das Heidenthum erfüllt hätten. Nein, ich fand nur drei vortreffliche Lehrer, welche mich und Andere durch elende Wortklauberei und sehr geistlose Conjunctivenjagd mit ihren alten Schriftstellern nicht tödtlich langweilten. Erst auf der Hochschule lehrte mich der ausgezeichnete Bruder des nicht minder ausgezeichneten und weit berühmteren Philosophen Feuerbach in die Weltanschauung und in das innere Leben der Alten hineinblicken. Ein mangelhafter Religionsunterricht brachte mich so weit, daß ich als 18jähriger Mensch die Artikel des Glaubensbekenntnisses nicht mehr wußte, die Mehrzahl anderer Lehrer trug dazu bei, mich in religiösen Dingen zu einer tabula rasa zu machen, welche ich instinktmäßig durch Lectüre vieler Klassiker des modernen Europa, deren wahrhaft inneres Verständniß mir auch noch nicht zuzumuthen war, von selbst auszufüllen strebte.
Kurz vor dem Bezuge der Hochschule lud mir Gott verschiedene Arten von Elend auf den Hals, gab mir den ersten und letzten eifrigen und leider zu spät kommenden Religionslehrer, den ich auf den Vorbereitungsschulen fand; ich war trotz meines Unglaubens ganz ernstlich gesonnen, ein Diener der Kirche zu werden. Der stets auch im Mangel an gründlichen Kenntnissen wurzelnde Geisteshochmuth gab mir und Andern damals den Gedanken ein, dereinst Reformatoren der Kirche unterstützen zu wollen, doch die Restauration in Freiburg, welche man "theologisches Convict" zu nennen beliebte, gefiel mir nicht, manche Gäste gefielen mir noch weit weniger, die tiefe Gelehrsamkeit eines Hug entmuthigte, die prinzipielle Entschiedenheit eines Staudenmaier, der meine Herzkäfer, die deutschen Klassiker und besonders das junge Deutschland in ihren tiefsten Abgründen enthüllte, empörte mich und die Philosophie eröffnete mir eine kaum geahnte Welt voll Licht, Klarheit und Seligkeit—des Scheines.
Ich entschied mich für gar kein bestimmtes Fach und studirte, als ob ich Rothschilds leiblicher Sohn wäre, während ich wochenlang keinen Knopf in der Tasche trug, hörte philosophische, juristische, philologische und theologische Vorlesungen und las die Schriften berühmter Theologen lediglich, um als tiefsinniger, strebsamer Kopf zugelten und den Mitstudirenden recht imponiren zu können.
Das rechte Verständniß theologischer Schriften setzt lebendigen Glauben voraus, dieser mangelte mir täglich mehr, deßhalb legte mir meine Eitelkeit Riesenarbeiten auf, aber ich übernahm dieselben, denn Geisteshochmuth wurde täglich mehr der Kern meines Wesens und Thuns, die Achtung meiner Lehrer und die Bewunderung meiner Mitschüler wurde Nektar und Ambrosia meines geistigen Lebens.
Armseliger, unglücklicher Mensch, der ich war!—
Hatte ich das Beichten schon auf den Vorschulen als leidiges, unnützes Geschäft betrachtet, so ließ ich die Glocken am Sonntage als Hochschüler gemüthlich brummen und ging höchstens in die Kirche, wenn eine hübsche Messe anzuhören oder gar ein Prediger sammt Predigt zu critisiren war. Im Collegium über Kirchengeschichte und in der Kneipe nahm ich für jeden Ketzer immer eifriger Parthei, wenn die Ketzerei nur auch ein Fünklein Geist in sich schloß und begriff täglich weniger, wie manche brave, gebildete, kenntnißreiche und theilweise sehr begüterte Bursche meiner Gesellschaft Theologen bleiben konnten, ohne vor Langweile zu sterben.
Unter solchen Umständen mußte Ronge mein Apostel werden.