Die Schlimmen unter den gemeinen Verbrechern fragen nicht das Mindeste nach ihrer Entehrung, weil mit ihrem ganzen Wesen sich auch ihre Begriffe von Ehre in das Gegentheil dessen verkehrt haben, was sein sollte. Dagegen fühlten gerade die Gottlob zahlreichen Bessern und Besserungsfähigen die Wucht der Entehrung mehr oder minder stark, was auf Abschreckung und Besserung wohlthätigen Einfluß hatte und haben mußte, insofern ihr Gewissen ihnen eine an sich ehrlose Handlung vorwarf und sie an einen gerechten Gott mahnte.

Mit der Ankunft reinpolitischer Verbrecher wurde dies ganz anders. Weil selbst die gemeinsten Spitzbuben solche Ankömmlinge, von denen die Meisten früher niemals vor Gericht als Angeklagte gestanden und Manche als wohlhabende und angesehene Leute bekannt waren, nicht als Ihresgleichen zu betrachten vermochten, so sahen die gemeinen Verbrecher ihre Entehrung wenn nicht gesetzlich doch moralisch aufgehoben. Durch die Wahrnehmung, daß auch die rohesten Aufseher durch ihr Benehmen unwillkürlich verriethen, es beständen unsichtbare Unterschiede zwischen politischen und andern Gefangenen, steigerte sich das Bewußtsein der Ehrbarmachung bei den gemeinen Verbrechern, die unsichtbaren Unterschiede erzeugten recht sichtbare, dadurch litt die Hausordnung, und die Erreichung der verschiedenen Strafzwecke ward vielfach beeinträchtiget.

Manche politische Gefangene knirschten gegen ein ungerechtes Gesetz, dessen Opfer sie geworden, die Meisten jedoch gewöhnten sich an die neue Sippschaft und lachten ob der Absicht des Gesetzes, denn sie wußten ganz gut, ihre Freunde außerhalb des Zuchthauses dächten gar nicht, ihre Feinde nur scheinbar an Entehrung ohne ehrlose Handlungen und fuhren fort, die Regierung keineswegs als eine über politischen Gegensätzen stehende Macht, sondern lediglich als feindselige politische Parthei zu betrachten. Die Besserung eines politischen Verbrechers besteht wesentlich in Versöhnlichkeit und Aenderung politischer Gesinnung, aber die Thatsache der Zuchthausstrafe schien mächtig dagegen zu reden, daß die Regierung irgend ein Gewicht auf Versöhnlichkeit und Gesinnungsänderung legte, nachdem sie ihre geschlagenen Feinde den Dieben und Räubern gleichgestellt hatte.

Ich bin aus guten Gründen nicht sonderlich für die Abschreckungstheorie eingenommen; will man dieselbe auf politische Verbrecher jedoch anwenden, so muß man lieber mit Kugeln und Stricken als mit Zuchthäusern dreinfahren, wenn man für die nächste Zeit sich heilsame Wirkungen von jener geschichtlich und rechtlich längst abgeurtheilten Theorie verspricht.

Manch unsichtbarer Held der Jahre 1848 und 1849 und meinethalben ehrlicher aber jedenfalls ungeschickter und unchristlicher Wütherich der Ordnung und Ruhe schreibt heutzutage heldenmüthige und höchst beunruhigende Artikel über die Unverbesserlichkeit und Vernichtungswürdigkeit der "ehrlosen, gottvergessenen" Demokraten und könnte ein Blinder meinen, Demokrat und Revolutionär seien ganz gleichbedeutende Worte und ein Demokrat von vornherein der Teufel in höchsteigener Person, mindestens ein Unchrist und Taugenichts.

Ich für meine Person lache über dergleichen federfuchsende Narren oder verachte solche umgekehrten Jakobiner, denn mit den deutschen Demokraten ist's noch nicht halb so arg, als man gerne redet oder auch gerne hätte und anstrebt. Ich habe sogar unter Freischärlern bei uns nicht Einen heimtückischen, meuchelmörderischen Italiener, wenig herzlose Franzosen und nicht viele wilde Ungarn getroffen, denn der Deutsche ist und bleibt ein Deutscher, leidet als Revolutionär oft bei weitem mehr am Kopfe als am Herzen, besitzt häufig ein tiefes, aber verwildertes Gemüth, ließe sich jedoch durch bessere Belehrung, menschliche Behandlung und christliche Liebe gar nicht schwer gewinnen, zumal der Deutsche überhaupt ein "politisches Thier" des Aristoteles niemals wird, sondern glücklicherweise im engen Kreise seines Berufes und im stillen der Familie gerne recht ruhig und harmlos lebt.

Im Zuchthause bewährte mancher politische Gefangene übrigens nicht etwa Religion und löblichen Abscheu vor Verbrechen, sondern weit eher Geisteshochmuth und Lieblosigkeit gegen gemeine Verbrecher. Dadurch kam viel Unfriede, Zwietracht und Haß unter die Bevölkerung und wäre Einfluß und Mühe der Angestellten und Beamten minder groß, die Hoffnung auf Begnadigung nicht so gar lebhaft, die Zahl der Politischen und die Macht der Bildung kleiner gewesen, so würden arge und schreckliche Auftritte vorgekommen und das Zuchthausleben zu einem Leben in einer Mördergrube oder in der Hölle geworden sein. Jedenfalls haben die Meisten meiner Leidensgefährten wenig für religiöse Erhebung und sittliche Ermannung [Ermahnung] der gemeinen Verbrecher gethan und war mehr als Einer der gemeinen Verbrecher besonders unter den unvorsätzlichen Todtschlägern ein weit besserer und wohl auch achtungswertherer Mensch, denn mancher sogenannte Märtyrer einer zweideutigen Freiheit.

Die schädlichste Wirkung des von mir angefochtenen Gesetzes beobachtete ich seit der Zeit meiner Befreiung. Einerseits bewiesen entlassene gemeine Verbrecher, daß sie die keineswegs völlig grundlose Ansicht von der politischen Natur aller Verbrechen aus dem Straforte in die Freiheit getragen, anderseits bemerkte ich eine große Abstumpfung gegen die Schande im Zuchthause gewesen zu sein nicht nur bei Entlassenen, sondern bei den niedern und mittlern Volksklassen überhaupt.

Die Tagesblätter reden genug davon, die Revolution sei keineswegs todt, sondern nur momentan gefesselt und gelähmt; Ereignisse der schauderhaftesten Art sprechen dafür und ein Christ darf und muß sagen, die Revolution sei erst dann besiegt, wenn die Hölle eine völlige Niederlage erlitten haben werde. Das Böse schreitet in großen moralischen Körpern wie in Einzelnen mit einer gewissen immanenten Dialectik und logischen Gesetzmäßigkeit vorwärts; das an sich Gute geht in leisen, allmäligen Uebergängen zum minder Guten, Gemischten und wirklich Bösen, endlich zum Teuflischen fort und so kann ein Staat die Lebenskeime der Revolution in seinem Schooße hegen und großziehen, ohne daß er darum weiß und es will, ebenso der Einzelne durch die Verletzung seines rechtlichen und Empörung seines sittlichen Gefühles allmälig und leise, in Uebergängen, welche er spät oder niemals gewahr wird, aus einem ruhigen Bürger zum Revolutionär werden. Diese Thatsache hat folgenschwere Consequenzen und eine derselben heißt, daß ein Staat, welcher durch ungerechte und unzweckmäßige Gesetze und Verfahrungsweisen das rechtliche und sittliche Gefühl seiner Bürger verletzt, an seinem eigenen Untergange unbewußt arbeitet.

Ein ungerechtes und unzweckmäßiges Gesetz in Baden spricht reinpolitische Verbrecher ins Zuchthaus und wer am allerwenigsten Vortheil daraus zieht, das ist die Regierung, daher wende sie ihre Aufmerksamkeit auf dieses Gesetz!—