"Ich weiß nicht recht, wie er meine Nachrichten aufnehmen wird! sie sind schon ein bischen alt, deßhalb behaltet Euer Gläslein und gehabt Euch wohl für jetzt!"
"Ganz wie Ihr wollt!" [wollt!] ... Wer nicht will, hat schon gehabt! ... Lebt wohl!"
Der Zuckerhannes hinkt eilig fort und murmelt auf dem Wege zum Wirthshaus des nahen Dorfes:
"Der erste Schlag ist gefallen, der Tanz fängt an! ... Diese Bäuerin scheint auch keine von den Besten zu sein, am Ende gibts noch viele Elsbethchen auf der Welt! ... Er hats verdient, wenn er ein Höllenleben führt! ... Vielleicht rührt ihn der Brief desto mehr! ... Ja, eine zweite Emmerenz gibts halt nirgends mehr! ... Was sie in diesem Augenblicke wohl treiben mag!"
In der Schenke vernahm er Manches, was ihm Zweifel und Sorgen über den Erfolg seines Schrittes erweckte und ihn die Gedankenlosigkeit bereuen ließ, mit welcher er die Schriften der Bäuerin eingehändigt. Mehr als zehnmal stand er auf, um in den Hof zurückzukehren und so oft die Stubenthüre sich öffnete, schnappte er nach Luft vor Angst und Erwartung, der Empfänger werde kommen und ihm die Antwort selbst bringen, aber er ging nicht und Keiner fragte nach ihm. Er brachte diese Nacht, welche er später die schwerste seines Lebens nannte, schlaflos zu und die wachsende Sorge trieb ihm alle Müdigkeit und Erschöpfung aus den Gliedern.
Wer die kurze Sommernacht ebenfalls zubrachte, ohne ein Auge zu schließen, war der Empfänger des Briefes, nämlich der leibliche Vater des Zuckerhannes. Ja, Michel, der Sohn des reichen Fesenbauern, der Verführer Brigittens ist keineswegs ein Gastwirth geworden, sondern hat nach verschiedenen Irr- und Kreuzfahrten mit dem Reste des Vermögens, welches ihm nach mehreren Unglücksfällen geblieben, einen Hof gekauft und ein Weib genommen, welches ihm neben einem ordentlichen Geldsacke den leibhaftigen Unfrieden als Brautschatz mitbrachte.
Aus einem wüsten, freudlosen Eheleben ging ein halbes Dutzend ungerathener Kinder hervor, von denen gegenwärtig nur noch Zweie im Hofe leben und im Bunde mit der Mutter den alternden Michel drangsaliren.
Heute hat er draußen im Walde gearbeitet und ist Abends mit schwererm Herzen als gewöhnlich heimgekommen, auch vom Weibe und den Kindern übel genug empfangen worden, denn die Bäuerin hat sofort nach dem Weggehen des verdächtigen Fremdlings den Brief desselben erbrochen und sich von der Marianne, der ältesten Tochter vorlesen lassen.
Noch spät in der Nacht hörten die Dienstboten die gellenden Stimmen der Bäuerin und Mariannens, die verächtlichen Schimpfreden, welche der lange Jörg gegen den Vater ausstieß und das zornige Vertheidigen Michels gegen die bittern Vorwürfe der Seinigen und mehr als einmal bekam es den Anschein, als ob die Worte wieder zu Prügeln werden wollten. Die Knechte und Mägde waren des Unfriedens beim Fesenbauern gewohnt, denn dieser war mit Weib und Kindern fast nur darin einig, der Mensch lebe lediglich, um Geld zu erwerben und gerade diese Einigkeit führte zu Auftritten, welche dem Fesenhof in der Umgegend den Beinamen "Höllenhof" erworben hatten.
Heute Abend jedoch ging es hier zu, als ob Türken und Heiden sich in den Haaren lagen und das Unterste zu Oberst kehren wollten, selbst das gewöhnliche lange Nachtgebet der Dienstboten wurde mit schweren Flüchen und unerhörten Verwünschungen gewürzt, womit der Fesenbauer und die Seinigen sich bombardirten, nachher fing das unidyllische Schimpfiren und Lästern erst wieder recht an und hörte nach mehrern Stunden erst allgemach auf, nachdem sich der Michel in seiner Schlafkammer verbarricadirte und beharrlich jede Antwort verweigerte.