Den Brief des Zuckerhannes, welcher die Rolle des Zankapfels gespielt, wußten die meist liederlichen Knechte und Mägde noch vor dem Einschlafen auswendig herzusagen und obwohl es im Fesenhofe als erstes und höchstes Gesetz galt, daß nach dem Betläuten kein Dienstbote an Werktagen ohne besondern Auftrag sich aus dem Hause entferne, würden die Zungen der meisten Bewohner des nahen Dorfes doch noch heute Nacht durch die Jugendsünden des "Höllenbauern" tüchtig in Allarm und Bewegung gesetzt worden sein, wenn der Spektakel die Neugierigen nicht daheim gehalten hätte.
Ein düsteres Oellämpchen brennt in der Kammer Michels, auf dem Tische liegt eine Abschrift des Taufscheines und aller Zeugnisse des Zuckerhannes, die schlechten allein ausgenommen, den verhängnißvollen Brief des Verstoßenen hält der herzlose Vater in der Hand und ehe er denselben in hundert Fetzen zerreißt, wollen auch wir ihn lesen, zumal der Titel, "Brief an Einen aus Vielen" recht gut paßt.
Derselbe aber lautet:
"Alter Sünder! Zum erstenmal in meinem Leben wende ich mich an Dich, nachdem ich bald 21 Jahre das nämliche Recht auf Dich mit Allem was an Dir ist, besitze, welches das Kind auf seinen Vater, der junge Tiger auf den alten Tiger hat."
"Du hast 21 lange Jahre hindurch bewiesen, das Gewissen eines Bauern könne nicht minder weit als das eines armen oder reichen Lumpen sein, der einem andern Stande angehört."
"An dein weites Gewissen will ich zunächst reden und wenn es nicht ein bischen enger dadurch wird, dann sollst Du einen Theil der Belohnung empfangen, deren Du Dich würdig gemacht, ohne daß dieselbe auf Erden Dir bisher zu Theil wurde."
"Gelt, Du hast die Tochter des Gestellmachers, die Brigitte, vergessen?"—
"Natürlich, was liegt einem Schufte deiner Art an der Ehre und am Lebensglücke einer armen Verführten? Größere Herrn als Du Einer bist, leuchten dem Volke mit Unzucht und Ehebruch voran, die Welt findet derartige Schwachheiten höchst liebenswürdig und nachahmungswerth und was Christus der Herr befohlen, soll eigentlich nur für die Armen und Geringen Gewicht haben, den Andern Alles erlaubt sein und wenn ihnen beliebt, Unerlaubtes zu treiben, dann wird es im mildesten Lichte betrachtet, gar sorgfältig vertuscht, häufig genug belacht, belobt und belohnt."
"Dich aber, Fesenmichel, will ich am Schopfe nehmen, weil ich das nächste Recht dazu habe und Dir zunächst sagen, wer Du bist und was Du gethan hast, Du Unmensch!"—
"Zum Ersten bist Du ein ehrloser Wicht, weil Du von vornherein in der Absicht, einem braven Mädchen die Ehre zu rauben, Dich der verlassenen und geplagten, unerfahrenen und arglosen Brigitte genähert hast."