Wir werden uns viel mit ihm beschäftigen, der Umstand, daß er kein Gebilde dichterischer Einbildungskraft ist, sondern bis heute lebt, vermehrt vielleicht das Interesse des Lesers—doch für jetzt lassen wir den armen Duckmäuser abmaschiren und befassen uns lediglich mit der Sträflingsrolle desselben.
Der brave Obermeister, welcher die Namen derjenigen aufzeichnet, die heute Nacht im Saale Nro. 5 erkrankt sein wollten und einen sichtbar Erkrankten bei sich zurückbehält, grüßt den Duckmäuser freundlich und dieser eilt hinaus in den Hof, nimmt in der Geschwindigkeit einen Schluck frischen Wassers vom Brunnen mit, blickt zum Monde empor, gedenkt seufzend der lieben Schläfer im Heimathdörflein, welches er niemals wiedersehen soll und verschwindet dann in der Thüre eines Nebengebäudes.
Stumm, in ihre dunkeln Mäntel gehüllt, stehen Schildwachen und Aufseher in den Höfen umher, außer den Schritten der Sträflinge vernimmt man keinen Laut, endlich verhallen auch diese, nur der Bach, der seine raschen, kalten Wellen durch die Strafanstalt jagt, murmelt mit dem Morgenwinde.
Doch hell ist's geworden hinter den großen und kleinen vergitterten Fenstern der Arbeitssäle, rasch wird der Lärm der Arbeiter hörbar, dort das emsige Klopfen der Schuster, hier das taktfeste Aechzen der Webestühle, nicht weit davon das gemüthliche Schnurren der Rädchen der Spuler, Spinner und Wollspinner; tief aus dem Bauche der Erde herauf zischen alle Arten von Hobeln, kreischen Sägen, donnern schwere Küferhämmer und das wilde Rauschen des losgelassenen Wasserrades, das dumpfe Rollen gewichtiger Walzen in der Hanfreibe mahnt an die industrielle Neuzeit, wie die frühere Stille an das Klosterwesen des Mittelalters.
Steigen wir hinab in das Gewölbe der Holzarbeiter, so finden wir dasselbe hell erleuchtet und voll rühriger Arbeiter, denn schon die empfindliche Kälte des Morgens setzt trotz dem knurrenden Veto des leeren Magens Füße und Hände in Bewegung.
Gemessenen Schrittes geht ein unbewaffneter Aufseher ruhig auf und ab, während der Werkmeister von dieser Hobelbank hinter jene Reihe doppelt aufgethürmter Salzfässer eilt, an jenem Schleifsteine nur verweilt, um dem fleißigen Drechsler oder dem geschickten Holzschnitzer oder Leistenmacher ein schärferes Instrument zu bringen oder am Schreibtische in der hintersten Ecke die Arbeitslisten des Tages zu ordnen.
Vor dem Ofen steht der Zuckerhannes mit einer Schaufel, schaut behaglich in die Flammen, deren röthliches Licht seine Gestalt umflackert und füttert von Zeit zu Zeit den Wärmespender mit Abfall und Hobelspänen.
Befinden sich Aufseher oder Werkmeister nicht gerade in der Nähe, dann schaut das Bulldoggengesicht des Mordbrenners vielsagend von der Fügbank zum Heitzer herüber oder eine listige Galgenphysiognomie blinzelt für einen Augenblick hinter dem Ofen hervor oder ein furchtsamer Neuling zischt ein kurzes Wort, der Zuckerhannes aber wirft die Augen spähend umher, bückt sich dann rasch, zieht einen dunkeln Gegenstand zwischen den Hobelspänen hervor und im nächsten Augenblicke fliegt ein Stück Erlenholz, Nußbaumholz, ein Sesselfuß, ein Eichenklotz oder etwas Anderes in die lodernde Gluth und die Schaufel sichert der Flamme ihren Raub durch nachgestoßene Hobelspäne. "Spart Holz an den Sträflingen, Ihr Kaiben!" murmelt der Zuckerhannes und lacht schadenfroh, die Nachbarn lachen, der Schurrbart [Schnurrbart] des zurückkehrenden Vorgesetzten zaubert lauter unschuldige Mienen um sich her, doch inwendig lacht das Herz fort und das Verschwinden des Argus gibt das Signal zur Wiederholung des Manövers.
Der Werkmeister mag noch so getreu, der Aufseher noch so scharfblickend und erfahren sein, dennoch wird an Rohstoffen und Arbeiten in Sträflingssälen jährlich Vieles absichtlich verdorben und wer mit Strenge dreinfährt und dadurch die Arbeiter erbittert, wird bald arg erfahren, daß keine Macht der Erde den Menschen zur willenlosen Maschine und den Sträfling zum getreuen Haushalter mit fremdem Eigenthum macht.
Es gibt manche, vielleicht viele Gefangene, welche das ihnen anvertraute Gut sehr sorgfältig und eifersüchtig hüten, dafür ist ihnen das des Nachbars vollkommen gleichgültig und Viele haben ihre Freude daran, Rohstoffe zu verderben und zu verschleudern.