"Hast Recht, Stoffel, es ist nicht halb so arg, als man draußen meint. Weiß Gott, ich will lieber lebenslänglich im Zuchthause, als Ein Jahr bei der dicken Sonnenwirthin sein. Ein armer Teufel bleibt ein geplagtes Thier, ob er hier hocke oder—."
Die beiden werden vom Strome fortgerissen, der am Ende des Hauptganges sich in mehrere Arme theilt, welche zu den verschiedenen Speisesälen führen. Der Zuckerhannes tritt in einen niedrigen, finstern Saal, aus welchem ein verworrenes Gesumme und Gebrumme ertönt. Rasch füllen sich die langen, schweren, altersbraunen Tische längs den Wänden, ruhig sieht ein alter Schnurrbart von Aufseher am Ofen, der in der Mitte des Saales sich erhebt und in Einem fort sprudelt das Wasser aus dem alten Fasse in den Becher, der von Hand zu Hand geht.
Die stumpfen Messer, welche an Ketten angenietet auf dem Tische liegen, wüthen in großen Stücken sehr schmackhaften Brodes, die blechernen Löffel klirren heimelig und thönerne Schüsselchen, in denen ein Stücklein Butter im Wasser schwimmt, laden neben den Salzbüchsen die Gourmands des Zuchthauses zu ihrem vornehmsten Genusse ein.
"Suppe!" schreit der Aufseher.
Alle Sträflinge fahren wie electrisirt in die Höhe, alle Mützen fliegen von den Köpfen, alle Hände werden gefaltet, der Zuckerhannes betet laut ein Vaterunser und je lieblicher der Dampf einer gerösteten Mehlsuppe in seine Nase dringt, desto beflügelter wird seine Zunge.
Unser Held ist ein eifriger Beter. Er betet für sich, wenn die Reihe an ihn kommt, betet aber auch für manchen Andern, der gerne eine Portion Fleisch oder etwas Anderes opfert, um nicht durch ein lautes Vaterunser in den Verdacht christlicher Frömmigkeit zu gerathen oder um seine Unwissenheit nicht durch Steckenbleiben zu offenbaren.
"Absterbens Amen!" ruft der Zuckerhannes mit freudiger Hast, die Gefangenen setzen sich mit Ausnahme der Aufwärter, welche die zinnernen Suppenschüsseln vertheilen und die vornehmsten billigermaßen für sich auf die Seite stellen.
An Appetit fehlt es sehr Wenigen, zudem ist die Suppe vortrefflich und viele tausend Arme werden an diesem Morgen wohl nichts Besseres bekommen. Die erträgliche Kost Gefangener als zu gut tadeln wollen, hieße unmenschlich sein, weil die Gefangenschaft schon an sich zehrt und Viele schwer arbeiten, Alle vom frühesten Morgen bis zum späten Abend thätig sein müssen; es hieße aber auch unsinnig sein, denn Alles ist möglichst karg ausgemessen und der Vortheil, für viele Menschen auf einmal zu kochen, so groß, daß trotz aller Beschränkung ein redlicher Kostgeber ordentliche Kost bereitet und dennoch seinen billigen Vortheil dabei findet, ein unredlicher auf Unkosten armer Mitmenschen zum reichen—Schuft werden kann.
Um sich von musterhafter Verwaltung und durchdachter Kontrolle der badischen Strafanstalten zu überzeugen, wird ein Blick in die Verköstigung der Gefangenen Erklekliches beitragen, was in frühern Jahren nicht immer der Fall gewesen sein möchte.
Selbstbereitung der Kost von Seiten der Anstalt, wie dies im Zellengefängniß zu Bruchsal seit neuerer Zeit eingeführt wurde, möchte übrigens für den Staat und die Gefangenen zugleich sich laut bisheriger Erfahrung in einer Zeit der Theuerung aller Lebensmittel stets als das Vortheilhafteste bewähren.—