Ueberhaupt scheint es, daß der christliche Geist aus hundertjähriger Entäußerung immer mehr aufwache und sich aufraffe und wie die Engländer im Guten und Bösen die Vorkämpfer der Franzosen und Deutschen seit langem geworden und nach meiner unmaßgeblichen Ansicht die eigentlichen Träger der Kultur sind, so sind es in neuester Zeit besonders Engländer, welche bereits auch die Naturwissenschaften wiederum in den Dienst des religiösen Glaubens ziehen; die Franzosen folgen und die Deutschen bleiben nicht zurück.
Ich anerkenne das protestantische Prinzip der Subjectivität als ein durchaus berechtigtes, insofern die Völker und Einzelnen, welche nun einmal den naiven Christenglauben verloren haben, durch alle möglichen Stadien des Irrthums, der halben Wahrheit und der Lüge wandern und im Verlaufe der Entwicklung immer mehr und zwar lediglich aus freier, innerer Ueberzeugung zum katholischen Glauben als dem ewig wahren zurückkehren müssen. Die Geschichte vom verlornen Sohne ist für mich die Anticipation der ganzen Geschichte des Protestantismus. Von diesem Standpunkte aus muß ich auch die protestantische Wissenschaft als die Odyssee des Menschengeistes nach dem Ithaka des Glaubens achten, ehren und lieben und kann selbst in der Richtung eines Strauß, Feuerbach, der Neutübinger Schule u.s.f. das für die Menschheit und die Weltkirche Jesu Christi Heilsame daran nicht verkennen. Luther hat A gesagt; wie weit seine zahlreichen Nachfolger bisher gekommen, läßt sich im Allgemeinen nicht bestimmen, aber das ganze Alphabet werden sie durchmachen müssen und am Ende erfüllen, was Lacordaire predigt: "Macht, was Ihr wollt, die Welt wird dennoch katholisch!"
Daß die katholische Wissenschaft erst wieder einigen Aufschwung nahm als sie protestantisirt wurde und erst in neuerer Zeit wiederum zur Selbstständigkeit sich emporschwingt, ist historische Thatsache.
Ganz naturgemäß fehlte den Katholiken das unruhige, forttreibende Prinzip und erst der übermächtig werdende Gegensatz der protestantischen Wissenschaft hat sie wiederum geweckt zu neuem Leben und Streben. Daß das Ringen nach Selbstständigkeit namentlich in der modernen spekulativen Theologie und katholischen Geschichtschreibung sich offenbarte, zuerst offenbarte, darin liegt wohl eine tiefe Bedeutung.
Die Philosophie gibt, die einzelnen Systeme mögen noch so barok und noch so wunderlich klingen, dem Selbstbewußtsein der wechselnden Zeit seinen eigenthümlichen Ausdruck, die protestantische Geschichtschreibung geht meist hierin Hand in Hand und betrachtet die Thatsachen der Geschichte im Lichte der herrschenden Zeitanschauung, die katholische Theologie und Geschichtschreibung muß im Namen der Ewigkeit dagegen protestiren, diese Protestation begründet werden und wenn dieselbe von einem Möhler und Männern wie Staudenmaier, v. Hirscher, Hurter, Döllinger, Hefele, Gfrörer und Andern begründet wird, bleibt immerhin starke Hoffnung, daß die katholische Wissenschaft mindestens das Gleichgewicht mit der vorangeeilten protestantischen noch in diesem Jahrhundert erringe und die Jugenderziehung durchsäuere. Mit dem Katholisiren der Wissenschaft sollte jedoch das Katholisiren des Lebens stets mehr Hand in Hand gehen.
Während meiner Studienjahren kam mir außer den Werken Johannes v. Müllers, aus denen mindestens ich viel Gespreitztes, Affectirtes, und noch mehr heuchlerische Perfidie herausfühlte und den Schriften Leos, dessen Ingrimm gegen Rationalismus und Revolution mich anwiderte und empörte, weil ich selbst bereits ein Rationalist und Revolutionär geworden, kaum ein Geschichtswerk zu Gesicht, welches der positiven Religion nicht gleichgültig oder auch feindselig gegenüberstand.
Eine Weltgeschichte, welche Jesum Christum wirklich als lebendigen Mittelpunkt der Menschheitsentwicklung nicht blos gelten ließ, sondern wissenschaftlich darstellte und die Lehren des Christenthums mit den leitenden Gesetzen der Geschichte in Harmonie zu bringen versuchte, kurz ein von christlicher Philosophie der Geschichte durchsäuertes größeres Geschichtswerk, existirt meines Wissens gar nicht.
Wie soll nun der lebendige Glaube an den Gottessohn als den archimedischen Punkt der Weltgeschichte in einem ernstlich nach Bildung ringenden Jünglinge fortzuleben vermögen oder gar erwachen und stark werden, wenn die Geschichtschreibung Christum als lebendige Einheit der Menschheitsentwicklung kühl übergeht oder den Erlöser nicht als solchen begründet?
Christus muß dann nothwendig zum Range eines Zoroaster, Mohamed herabgedrückt als eine ehemals zeitgemäße und nicht minder zeitgemäß vorübergehende Erscheinung, das Christenthum lediglich als Produkt der Faktoren einer bestimmten Zeit und die katholische Kirche als Partei erscheinen.
Aus solchem tiefgehenden Widerspruche zwischen den Lehren der katholischen Kirche und der Geschichtschreibung fließen dann gerechte Zweifel an der ewigen Wahrheit der Christusreligion, und dem Unglauben ist Thür und Thor geöffnet, ohne daß man denselben noch besonders prediget.