Weil im Menschen eine nimmerruhende Sehnsucht nach Wahrheit und Gewißheit lebt und das Herz etwas Positives haben muß, woran es sich mit aller Macht klammert, wirft sich der Jüngling vertrauend in die Arme der Philosophie, huldigt damit den Grundtendenzen der Zeit und weil die Bücherweisheit ihn nicht oder doch selten ganz befriediget, stürzt er sich in den Strudel des gemeinen oder in den Wirrwarr des politischen Lebens und vergißt darin die Ewigkeit und häufig genug sein besseres Selbst.
Das Moderne soll eine Vermittlung des Antiken und Christlichen sein; mir sind frühzeitig Zweifel erwacht, ob es überhaupt eine mehr als äußerliche Vermittlung, eine innere Versöhnung so schroffer Gegensätze geben könne und habe in Staat, Kunst, Wissenschaft und Leben blutwenig von solcher inneren Versöhnung gesehen, die ich doch als höchste Aufgabe unserer Zeit und kommender Geschlechter anpreisen hörte.
So wenig ich je eine Vermittlung zwischen Christus und Belial will, glaube ich an die Möglichkeit einer innern Vermittlung des protestantischen Prinzips mit dem katholischen, muß diese jedoch einer weiter hinausgehenden Fortentwicklung des Menschengeschlechtes überlassen und finde sie gegenwärtig in ein Stadium eingetreten, wo sie einer entschiedenen Feindschaft und grimmigem Kampfe aufs Haar ähnlich sieht. Die protestantische Wissenschaft ist bis zur Stunde tonangebend in der ganzen civilisirten Welt, der Katholik darf und muß von ihr sagen, daß ihr Hauptzug ins alte, nackte Heidenthum zurückweise.
Mit der Rückkehr heidnischer Anschauungen steht die Rückkehr heidnischen Lebens in enger Wechselwirkung und das arge Geschrei und Geschreibsel über die "schlechte Juden- und Heidenpresse" ist auch ein Nothschrei gegen das Leben, in welchem es jüdisch und heidnisch zugeht.
Die heidnische Wissenschaft und Literatur ist allerdings keine christliche, und als unchristliche und verderbliche zu bekämpfen, allein sie ist ziemlich unschuldig an ihrem Unglauben und mag der Verfolgungen spotten, welche gegenwärtig ziemlich erfolglos und vielleicht bald vorübergehend gegen sie eingeleitet werden.
Mein hochgeachteter Lehrer Gervinus hat in seinem Prozesse dem Hofgerichte in Mannheim gesagt, daß Er selbst ganz unschuldig an den Thatsachen der Geschichte sei—dies ist gewiß richtig und nicht minder richtig aber, daß ein Verdammungsurtheil gegen irgend eine geschichtliche Weltanschauung stets ein Verdammungsurtheil gegen das geschichtliche Leben unseres Geschlechts in sich schließt.
Die Macht der bisher eines ziemlich ungeschmälerten Sieges sich erfreuenden protestantischen Wissenschaft liegt darin, daß sie ihre Anschauungen vorherrschend aus der Wirklichkeit schöpft und wenn man unsere Philosophen, Historiker, Dichter heidnisch nennt, so sollte man vor Allem etwas mehr bedenken, daß sie Söhne unserer Zeit, unsere Zeit aber noch sehr vorherrschend Zeiten des praktischen Heidenthumes seien.
Worte bewegen, Thatsachen reißen hin; die thatsächliche unläugbare Uebermacht des Heidenthumes im öffentlichen und bürgerlichen Leben ist die Wiege der heidnischen Wissenschaft und die durch keine Censur, keine Polizei und Gewaltmaßregeln zu hemmende ursprünglichste Quelle des Unglaubens der Gelehrten und Ungelehrten geworden und geblieben.
Bei mangelhafter religiöser Erziehung muß das Lesen der Klassiker, Philosophen und Historiker, von denen die Wenigsten mit dem ruhigen Blicke der Ewigkeit in das zeitliche Leben hineingeschaut und alle ihren Stoff vorherrschend doch aus der Wirklichkeit geschöpft haben und müssen dann vor Allem eigene Lebenserfahrungen Unglauben erzeugen und vollenden. Ich hörte das Christenthum predigen und preisen und fand, diese gepriesene Religion habe höchstens im Mittelalter einigen Einfluß auf das staatliche und bürgerliche Leben ausgeübt; aus dem Mittelalter heraus sah ich einen Heidenstaat sich gebären, während die Kirche nach Außen und Innen zusammenschrumpfte und verdarb und aufhörte Trägerin der Menschheitsentwicklung zu sein. Ich schaute im modernen Staatswesen umher, fand blutwenig Christliches in diesen sogenannten christlichen Staaten, verglich protestantische Länder mit katholischen, das Treiben und Leben der Protestanten mit dem der Katholiken und mein Urtheil fiel nicht im mindesten zu Gunsten des Bestehenden, der Kirche und der Katholiken, überhaupt nicht zu Gunsten der positiven Religion aus.
"Sollen nur die Armen, Geringen und Schwachen Christen sein, die Reichen, Mächtigen und Starken darob lachen und thun was ihnen beliebt? Sollen Jene auf Gott und Beten sich stützen und die Erde um des Himmels willen verachten, während diese auf Geld und Waffenrecht, heillose Ränke und selbstfabrizirte Gesetze vertrauen und jedenfalls vorläufig die Erde in Besitz haben, folglich nur halb betrogen sind, wenn es keinen Gott und keinen Himmel geben sollte? Muß ich eine Kirche, meine eigene Kirche, nicht verachten und verabscheuen, wenn sie im Namen eines allliebenden und gerechten Gottes solch ungöttlichem Treiben nur veraltete Redensarten und sinnlos gewordene Ceremonien entgegensetzt? Was soll mir eine Religion, deren Wirkung in der Luft hängt, die von ihren Bekennern höchstens durch Worte, selten durch Thaten bekannt wird?"