"Jost hat allerdings einen Straßenraub begangen, aber er stand vorher niemals vor den Schranken eines Gerichtes als Angeklagter und weniger die eigene Noth, als die Noth seines kranken Weibes und fünf unmündiger Kinder hat ihn zur Verzweiflung und zu seiner That getrieben! Weißt Du wie wehe der Hunger thut?"—
Dergleichen Sträflinge beherbergt jedes Zuchthaus, die Meisten sind im Grunde wirklich unglücklicher als schuldig; die Geschichte Vieler zeigt zur Genüge, wie sehr der Mensch mit Allem was er ist und hat von seinem Mitmenschen abhängt und welche Ungerechtigkeit zugleich hinter der Lieblosigkeit steckt, mit welcher Sträflinge oft genug beurtheilt und Entlassene oft genug behandelt werden.
An jeglichem Verbrechen, welches verübt wird, hat die Gesellschaft mehr oder minder Mitschuld und deßhalb schon die Pflicht, Verbrecher nicht blos zu bestrafen, sondern auch zu streben, dieselben für sich zu gewinnen und Entlassenen ein ehrliches und friedliches Leben möglich zu machen!—
Nach wenigen Minuten ist es in der Strafanstalt wiederum lebhaft und das Arbeiten nimmt seinen ungestörten Fortgang. Webstühle knarren, Weberschiffchen zischen, Rädlein der Spuler, Wollspinner und Seiler schnurren, die Sägen der Holzmacher krächzen und ächzen, die Aexte schlagen einen schwerfälligen, unregelmäßigen Takt dazu; dumpfes Rauschen der Wasserräder, dröhnendes Umherrollen großer Walzen in der Hanfreibe, schrille Feilenmusik und Ohrenbetäubendes Hämmern der Metallarbeiter, pickendes Klopfen der Schuster, dumpfdröhnendes Donnern der Küfer, welche Reifen um ihre weitbauchigen Fässer schlagen—dieser hundertstimmige Lärm mahnt wiederum an das Zeitalter der Industrie, dieses Haus an Industrieritter dazu und die außerhalb der hohen Mauern vorübertösende Eisenbahn läßt von Zeit zu Zeit das unheimliche Freudengejauchze des sieghaften Erdgeistes in diese traurigen Räume dringen.
Traurig? Gewiß, doch bei weitem nicht so traurig, als die meisten Menschen sich einbilden, davon mag der Zuckerhannes reden, der vor seinem Fügebocke steht, ein sehr gleichmüthiges und ruhiges Gesicht macht und von Zeit zu Zeit freundlich zum Duckmäuser hinüberlächelt.
Er weinte bitterlich, als er über die Schwelle dieses verhängnißvollen Hauses treten mußte, wollte vergehen vor Schaam, als Räuber und Spitzbuben ihn mit dem brüderlichen "Du" begrüßten, wünschte sich anfangs in den tiefsten Kerker hinab, als er die unzüchtigen Reden und schauderhaften Erzählungen einzelner Mitgefangenen anhören mußte—doch kein geschaffenes Wesen ist zäher und elastischer als der Mensch, tägliche Gewohnheit stumpft ihn gegen Alles ab und wenn der Zuckerhannes jetzt ruhig über das Leben im Zuchthause und über seine Zukunft in der Freiheit nachdenkt, stimmt ihn der Gedanke an den letzten Tag der Gefangenschaft nicht allzu freudig. Freilich mahnt ihn jeder vorüberziehende Vogel daran, welch' unschätzbares Gut die Freiheit sei, freilich wünscht auch er manchmal einen guten Schoppen neben seinem Teller und eine Wurst in seine Erbsen, freilich drückt die erbarmungslose Regelmäßigkeit eines Lebens, wo Alles nach dem Minutenschlage sich richtet, der Mensch mehr oder minder zur Maschine wird und die Eintönigkeit zu laut durch die kleinen Ereignisse jedes Tages dringt, noch jetzt zuweilen mit Alpdruck auf seine Seele—aber hat er draußen frei und glücklich gelebt gleich den Vögeln des Waldes? War er jemals besonders genußsüchtig gewesen, seitdem ihn die dicke Sonnenwirthin im Schwarzwalde seine kindische Naschhaftigkeit so theuer hat büßen lassen? War er nicht an rauhe Kost, Schwere Arbeit, freudlose Tage und herbe Entbehrungen gewohnt, bevor er hieher kam? Was hat er Großes draußen zu erwarten, zumal er nicht weiß, was aus der Emmerenz geworden? Im Zuchthause wird er nicht verachtet, erndtet keine herben Vorwürfe, lebt ungeschoren, weil er sich in Andere fügt, braucht für Kost, Kleidung und Wohnung keine Sorge zu tragen, lauter Gründe, welche die natürliche Reue über die Folgen seiner That schwächen, während die übernatürliche niemals in ihm zum Durchbruche gelangte.
Draußen kennt er keine Seele, welche sich liebend um ihn kümmerte, denn die Emmerenz hat mehrere seiner Briefe mit keiner Silbe beantwortet, hier dagegen besitzt er einen Freund, der ihm Alles in Allem geworden, nämlich den Benedikt, welchen er "sein Duckmäuserle" zu nennen pflegt.
Dieser Duckmäuser gehört bisher noch zu den Halbgebildeten, welche nichts von einem Leben in Christo wissen, aber als seltene Ausnahme von der Regel ist er kein Fanatiker des Unglaubens, der jeden Andersdenkenden anfeindet und verfolgt, wenn dieser sich nicht bekehren lassen will.
Ein schweres Urtheil machte ihn ernst, ein edles Naturell ließ ihn im Zuchthause niemals zu den gemeinsten und niedrigsten Bewohnern herabsinken, er wußte stets eine gewisse Würde und Ansehen bei den bessern Gefangenen zu behaupten. Der Zuckerhannes kam an seinen Tisch und zeigte, daß ihm schaamlose Reden, in welchen ältere und verheirathete Gefangene zumeist voranleuchteten und das Affengesicht sammt dem Exfourier zehnfach überboten, anwiderten.
Dies bewog den Benedict, ihm freundlich sich zu nähern und als der Ankömmling bald von seiner leidenschaftlichen, doch rein gebliebenen Liebe zur Emmerenz erzählte, hatte er das Herz des Duckmäusers gewonnen. Die Zeit lehrte, daß sich Beide vielfach in einander getäuscht hatten, aber sie sind beide Freunde geblieben.