In der Kriegsgefangenschaft kam ich mit Neff zusammen, der am 8. August 1849 standrechtlich erschossen wurde. Er war mein Jugendfreund und ursprünglich ein edler Mensch, bei welchem der Kopf leicht mit dem Herzen davon lief und dessen Vaterlandsliebe Struve und die Revolution zum wahnsinnigen Fanatismus gesteigert haben. Die Rolle, in welche er hineingeredet und hineingetrieben wurde, paßte nicht für ihn, das Todesurtheil erschütterte ihn, weil er eine alte Mutter und eine Braut hatte, doch sammelte er sich wieder und starb in gutem Glauben, etwas für die Menschheit Ersprießliches gethan zu haben.

Sein Tod mahnte mich fortwährend an das Jenseits, meine Umgebung an den Jammer und das Elend dieser Erde, der rasche Umschwung der Dinge außerhalb der Kerkermauern an die Charakterlosigkeit der Menschen und an das Nichts der Volksgunst, um welche ich selbst so eifrig gebuhlt.

An Gefangenschaft und Zertrümmerung des selbstgebildeten Lebensplanes lag mir wenig, die Aussicht auf das Zuchthaus machte mich aber beben.

Gott bestrafte den Hochmuth der Revolution im Großen, an mir im Kleinen. Acht Jahre Festung würden mich bei weitem nicht so erschüttert haben, wie acht Jahre Zuchthaus, die Richter trafen damit meinen Stolz noch weit mehr als meine Schuld.

Das Fundament meiner gewöhnten Sittlichkeit bildeten jene Begriffe von Ehre, welche in der Achtung vor der Menschheit und im Selbstgefühle des Gebildeten wurzeln, die Achtung der Zeitgenossen und noch mehr der kommenden Geschlechter als das Höchste des Lebens erscheinen lassen.

War diese Sittlichkeit bereits während der Revolution in Partheileidenschaft schiffbrüchig geworden, so bot sie beim Eintritte in das Zuchthaus vollends keinen Halt mehr. Am lebhaftesten fühlte ich dies in der ersten Nacht, die ich als Sträfling im einsamen Vorarreste zubrachte; ich glaube die Geburtswehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu haben und habe ich in meinem Leben jemals im Gefühle meiner Ohnmacht um Gottes Schutz und Erleuchtung von Oben inbrünstig gefleht, so geschah es damals.

Die Zuchthausstrafe war die Pferdekur, welche der erbarmende Gott bei mir anwenden mußte, wenn ich nicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte.

Voll Einbildung auf meine ganz absonderliche Gescheidheit und Scharfsinnigkeit hatte ich mich auf eine höchst tölpelhafte Weise den Gerichten selbst in die Hände geliefert und den Richtern nicht nur die nöthigen Waffen der Wahrheit, sondern noch ganz unnöthige meines souveränen Hochmuthes gegeben; voll von Träumen eines weitausschauenden Ehrgeizes, von hohen Ehren und in ferne Zeiten hinüberwallenden Weihrauchwolken, aß ich jetzt mit Räubern an Einem Tische und Nachts flüsterten mir Mörder die schauerlichen Geheimnisse ihres Lebens und gar oft ihrer Verworfenheit in die Ohren; voll armseligen Dünkels auf ein bischen Bücherkram mußte ich nunmehr mit den rohesten, unwissendsten Söhnen des Volkes mich abgeben und bald diesem bald jenem als eine Art Knecht unterthan sein; sehr freigebig mit Versprechungen gegen blutarme Angehörige, die alle Hoffnungen auf mich gesetzt, glaubte ich mindestens die Vorwürfe dieser in meinen Kerker hereintönen zu hören und so gleichgültig mir die Achtung oder Verachtung politischer Partheimänner wurde, so sehr kränkte mich doch das ungünstige Licht, in welches ich während der Revolution und jetzt gar als Graukittel bei manchem redlichen und einflußreichen "Aristokraten" gekommen, der mich einst geliebt, geachtet, in dieser oder jener Weise unterstützt und mir oft genug auch den Kamm wachsen gemacht hatte. Von den übrigen Leiden der Gefangenschaft mag sich der Leser dieser Zuchthausgeschichten leicht eine Vorstellung später bilden und weil ich einerseits nicht so unsinnig war, an Erlösung in Folge des Ausbruches einer neuen Revolution, anderseits unsinnig genug, an ein achtjähriges Zuchthausleben ernstlich zu denken, sah ich statt einer erträumten Apotheose schließlich einen nackten Leichnam auf dem fürchterlichen Brette der Anatomie, mein Skelett in irgend einer Nische eines anatomischen Museums neben den Hölzerlipsen und Schinderhansen und im günstigsten Falle mein vergeßnes Grab in einem Kirchhofwinkel.

Viel zu stolz, um zu klagen oder zu murren, schickte ich mich äußerlich ganz vortrefflich in meine Lage, doch während der Mund lachte und spottete, blutete das Herz und zog sich bald in hoffnungsloser Trauer, bald in wildem Ingrimme zusammen.

Viele Wassertropfen hölen den härtesten Stein, viele Zuchthausnächte allmählig das stärkste Mannesherz aus, besonders wenn die Stärke desselben in Hochmuth beruht.