Durch die redende Macht der Thatsachen des Alltagslebens war ich zum Unglauben vorbereitet, durch das Studium der zeitgemäßen Philosophie und Geschichtschreibung der Unglaube meine Ueberzeugung geworden; auf ähnliche Weise wurde ich in die Arme des Glaubens zurückgeführt.
Pantheismus und dessen reiferer Bruder Atheismus lassen Gott und die Idee der Zweckmäßigkeit fallen, in ihrer scheinbar oft reichen und wirklich sehr dürftigen Weltanschauung ist das Sein Alles, die letzten Gründe des Seins gelten bei ersterm wenig, bei letzterm gar nichts; der erstere verläugnet Alles, was nicht in sein Spinnengewebe taugt und findet für die auffallendsten, wunderbarsten Ereignisse der Geschichte und Thatsachen des alltäglichen Lebens höchstens natürliche Gründe, letzterer nimmt alles, wie es ist, verzichtet auf die Erklärung des letzten Warum und müßte folgerichtig aller Philosophie und allem Denken überhaupt den Todesschein schreiben. Mich hat das Studium ganz verschiedenartig denkender und deßhalb auch verschiedenartig darstellender Geschichtsschreiber immer verhindert, einer philosophischen Schule ausschließlich und lange zu huldigen und niemals konnte ich es über mich bringen, die leitenden Gesetze, welche Astronomie, Geschichte und Naturwissenschaften insbesondere täglich evidenter zu Tage fördern, als an sich selbstständige oder als Ausflüsse einer blinden, willenlosen Kraft zu betrachten.
Ich nannte mich in keinem philosophischen Systeme fest, Spinoza und vor Allem die Schelling'sche Naturphilosophie sagten mir am meisten zu, doch der Ausspruch Hamlets: es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen lassen!—hielt mich in beständiger Unruhe und gegen den Fatalismus, in welchen ich mich hineinzulügen strebte, protestirte beständig das bewegliche Herz.
Die Geschichte ist eine großartige Apologie der Idee der Zweckmäßigkeit, das Unzweckmäßige, Böse wird mit all seinen Folgen wunderbar in den Dienst des Zweckmäßigen, Guten hineingezogen, bei aller Disharmonie und Gesetzlosigkeit im Einzelnen herrscht Harmonie und Gesetzmäßigkeit im Ganzen.
Weil jeder Mensch doch eine Welt im Kleinen ist, sollte dessen Geschichte nicht auch eine Weltgeschichte im Kleinen sein? Sollte die Idee der Zweckmäßigkeit nicht auch als rother Faden jedes individuelle Leben durchziehen, gleichviel ob der Mensch mehr zum Guten oder zum Bösen sich hinneige? Sollte keine höhere Macht durch das Leben und die Schicksale der Einzelnen wandeln und von ihm unabhängig dessen Thaten und Unthaten mit den Zwecken des Ganzen vereinbaren, denselben zu seinem eigenen Beglücker oder Henker werden lassen?—
Solche Fragen sind nichts weniger als neu, schon oft genug bejahend beantwortet worden, doch ich glaubte nicht an die Bejahung und wollte nicht daran glauben, weil ich Morgenluft der positiven Religionen, des Judenthums und des Katholizismus herauswitterte und ich längst gewohnt war, Juden und Katholiken auch nur als Schauspieler des welthistorischen Dramas zu betrachten, welche nach gut gespielter Rolle von der Bühne abziehen und Andern Platz machen. Jetzt bin ich überzeugt, jede möglichst umfassende und objektiv gehaltene Geschichte eines Einzelnen, selbst des unbedeutenden Menschen würde zu einer indirekten oder direkten Verteidigung der katholischen Weltanschauung und christlichen Moral. Wenn unter den Menschen mehr Vertrauen als berechnende Vorsicht, mehr Wahrheitsliebe als Selbstliebe herrschten, so daß Viele ihr ganzes Sein und Leben, ihre Schatten- und Lichtseiten, ihr Böses und Gutes den Mitmenschen blos legten, dann schwände das heillose Vorurtheil, als ob die positive Religion an sich keinen Einfluß auf das Leben ausübe; man würde klar erkennen, wie ein persönlicher Gott strafend und lohnend durch jedes einzelne Menschenleben wandelt und daß der Ausspruch unseres Erlösers, wornach [wonach] ohne das Wissen Gottes kein Haar von unserm Haupte fällt, keine hingeworfene Redensart, sondern volle Wahrheit ist.—
Ohne die Revolution wäre ich vielleicht nie zur Religion gekommen. Mein Bücherhochmuth mußte zunächst durch Thatsachen gedemüthiget werden, die ich mit eigenen Ohren hörte und mit eigenen Augen sah und deren Ursachen ich auf eine übernatürliche Macht, auf einen persönlichen Willen zurückführen oder notgedrungen das Denken aufgeben mußte.
Fremde Schicksale, die ich genau kennen lernte und besondere Lebenslagen brachten mich zum Nachdenken über mein eigenes leichtsinniges und gottverlassenes Leben und wenn ich in meinem Stolze mich nicht als den solidesten, vortrefflichsten Burschen von der Welt, meine Fehltritte als verzeihliche Schwachheiten, meine heidnischen Gutthaten als nie oder selten erhörte Beweise großer, aufopfernder Tugend fortwährend betrachtet hätte, würde mir Gott vielleicht den grauen Kittel doch erspart haben.
Im Zuchthause hatte das Beisammensein mit schamlosen, schlechten Leuten und mit Unglücklichen der bessern Sorte für mich den Nutzen, daß ich die Schicksale Einzelner genau kennen lernte und hundert und aber hundert Geschichten vernahm, welche mich überzeugten, der Mangel an positivem Christenthum sei die erste Quelle des Unglücks aller Menschen.
Vom Nützlichkeitsprinzip der Zeit noch immer durchdrungen, vermochte ich nicht mehr zu verkennen, das Christenthum sei auch die wahre Nützlichkeitsreligion, der Ungläubige verkenne zunächst auch seine wahren zeitlichen Vortheile.