mit zolldicken lateinischen Buchstaben schreiben.
Der Duckmäuser, dieser Allerweltskünstler, würde an arbeitsfreien Tagen Vieles verdienen, wenn er minder gutmüthig und freigebig wäre. Er wird am nächsten Sonntag die niedlichsten Dosen aus Maserholz glänzend poliren, welche er unter der Woche neben seinen vielen und schönen Arbeiten für sich "gepfuscht" hat, auf Glastafeln mit goldenen Lettern und kunstreichen Randverzierungen wiederum ein schönes Gedicht malen und gelegentlich dem Zuckerhannes beistehen, der sich mit der Fertigung der Schulaufgaben abquält und Auszüge aus Zschockes "Stunden der Andacht" und verwandten Schriften zu machen pflegt.
Auf solche Art wird der nächste Sonntag vorüberschleichen und die Angst auf seinen Nachfolger als Angebinde zurücklassen.
"Numero Fünf!"—ruft es durch die Gänge.
Die meisten Gefangenen haben den Speisesaal bereits verlassen, jetzt bricht der Zuckerhannes auf und nimmt Abschied vom Duckmäuser, denn dieser liegt Nachts in einem andern Saale und sein Wunsch, neben dem Freunde zu schlafen, ist bisher unerfüllt geblieben.
Einer der Letzten hinkt unser Held in den Schlafsaal Numero 5, ein Aufseher folgt ihm, der Beter von heute Morgen haspelt wiederum ein Vaterunser herab, dann wird die schwere Eichenthüre geschlossen, die gewichtigen Riegel klirren vor, der Schnurrbart eines Aufsehers hängt noch eine Minute zum Guckfensterlein herein, bis Jeder unter seinem Teppich liegt.
"Gute Nacht!"
Fortan hört man von drunten im Hofe nichts mehr außer den langsamen Schritten der Schildwachen, die der Aufseher sind nicht mehr hörbar, weil sie auf Socken einherwandeln oder doch sehr leise auftreten, dagegen tönt vom Guckfenster her manchmal ein ernstes und häufig auch ein grobes Wort, wenn nicht Alles hausordnungsmäßig zugeht.
Wer hart arbeitete, schläft gemeiniglich rasch ein, minder ermüdete oder kummervolle Nachbarn flüstern unter ihren Decken hervor oft noch lange miteinander, verwegene Bursche lachen oder reden auch laut und lassen Verweise und Drohungen zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus, Leute, welche der nächste Tag oder die nächste Woche zu Entlassenen macht, fragen begreiflicherweise nicht immer zu viel nach der Hausordnung die lange genug als drohendes Damoclesschwerdt über ihrem Haupte hing. Zuweilen erhebt sich auch ein Streit um der Luft willen, denn Einzelne möchten aus guten Gründen ein Fenster halb oder ganz offen lassen, dagegen pflegen die abgesagten Feinde reiner Luft oft als Mehrheit zu opponiren. Endlich dringt der Stundenschlag der Stadtuhren, der Gesang fröhlicher Zecher oder eine ferne Musik wehmüthig zu den Ohren der Eingesperrten, im Schlafsaale vernimmt man nur noch die Traumredner oder die Schnarcher, welche ihr ohrenzerreißendes, rasendmachendes Tutti beginnen.
Sendet um Mitternacht der Mond sein bleiches Licht durch die trüben, arg vergitterten Scheiben des Saales, so wird er von Neuem zum Zeugen der Thatsache, daß die schlechtesten Leute und furchtbarsten Verbrecher sehr fest und ruhig schlafen und trotz dem harmlosesten Philister manchmal sehr gemüthlich schnarchen. Zwar fehlt es selten an offenen Augen, auch thränenschwere sind zu entdecken und mancher Seufzer aus tiefster Brust klagt in die Mitternacht hinaus, doch übernatürliche Reue mag höchst selten ein Auge wach erhalten und ein Herz zu Thränen und Seufzern bringen.