Wollte man während des Abführens in die Schlafsäle gar zu streng auf Stille und Ordnung in den Speisesälen sehen, so würden die Wachen vielleicht erst um zehn Uhr in ihre Wachtstube und die ohnehin arg angestrengten Aufseher noch später zu ihrem Nachtessen gelangen und solche Verzögerung brächte Niemanden Nutzen, während das minutenlange Gehenlassen der Gefangenen wenig schadet.
Wer unter Tags nicht zu einem Bekannten oder Landsmann kam, welcher an einem entfernten Tische sitzt, trifft denselben jetzt und wer nicht ein bischen heiter war, wird es für eine kleine Weile.
Der Mordbrenner benutzt das lebhafte Getümmel, um mit gedämpfter Stimme ein bischen zu jodeln, der Erfourier tanzt mit dem Affengesichte im Hintergrunde und versichert es sei Polka, ein Räuber schnalzt den Takt dazu mit Zunge und Fingern, das Hasenmaul theilt mit dem Zuckerhannes ein Päcklein Schick und der Duckmäuser hält Einigen eine Vorlesung über den hohen Werth einer menschenfreundlichen Behandlung im Zuchthaus.
Morgen Abend wird es wieder froh um diese Zeit zugehen, denn übermorgen ist ein arbeitsfreier Tag und die Ruhe- und Freudentage der freien Bevölkerung sind Folter- und Trauertage, jedenfalls Tage peinlicher Langweile für Gefangene.
Freilich nimmt an Festtagen der Gottesdienst und Gänsemarsch im Hofe Zeit weg, vielleicht müssen auch die Füße in der Waschküche gewaschen werden und manche melden sich zum Rapport beim Vorstande, doch immerhin bleibt manche Stunde übrig und während derselben wie angenagelt hinter einem Tische sitzen sollen, um St. Johannistag wie um Weihnachten um sechs Uhr Abends die Suppe essen und sich alsdann von der noch ziemlich hochstehenden Sonne im Bette bescheinen lassen, dazu die Freudentöne der Freien von Weitem vernehmen, dies Alles macht arbeitsfreie Tage zu den unbeliebtesten, welche die Mehrzahl der Sträflinge erlebt.
Was sollen dieselben machen?
Die schwüle Luft macht Aeltere schläfrig und mißmuthig, die Jüngern reden und schäckern, zehn Aufseher wären nicht im Stande, sie daran zu hindern, Manche laufen beständig ein und aus und es läßt sich nicht verbieten.
Unsere Bekannten gehören meist zu den geschicktern Gefangenen und diese wissen sich zur Nothdurft immer Unterhaltung zu verschaffen. Das Murmelthier wird sich in der Kunst immerwährenden Schlafes produciren, der Indianer spielt die Rolle eines Porträtmalers und wird Einigen ihre Dulcineen malen. Freilich hat er letztere niemals gesehen, allein wenn die Farbe und der Schnitt der Sonntagskleider getroffen, der Kopfputz nicht ganz verfehlt und das Roth der Wangen und Lippen recht einleuchtend hervorstechen wird, dann fühlt sich der Liebhaber schon beseliget, spendet Weihrauch und Lohn und seine Einbildungskraft ersetzt die fehlende Kunst. Auch das Affengesicht macht Geschäfte als Maler; zum Scheine malt er schuldlose Häuser, in unbewachten Augenblicken klekst er unzüchtige Bilder zusammen, diese finden reißenden Absatz und Mancher, der das schönste Heiligenbild als Geschenk gleichgültig betrachtete oder auch zurückwiese, spart sich das Fleisch vom Munde ab, um vom Affengesichte mit einem Schandgemälde beglückt zu werden.
Der Exfourier ist heute durch eine Schildwache von der vollendeten Treulosigkeit seiner Braunen überzeugt worden und wird am nächsten Sonntag einen herzbrechenden Brief an dieselbe schreiben. Der Mordbrenner wird dem Hasenmaul ein langes und unter Sträflingen sehr beliebtes Gesicht, nämlich Kotzebue's "Verzweiflung" gleichmüthig ins Schreibheft eintragen und wenn ihm das Hasenmaul nur noch ein kleines Stücklein Butter weiter verschafft, wird er die furchtbaren Worte:
Ha, wo bin ich und was soll ich hier
Unter Tigern, unter Affen?
Welchen Plan hat Gott mit mir
Und wozu bin ich erschaffen?