Die fromme Sonnenwirthin führte ihre Wirthschaft in altgewohnter Weise fort, nachdem die Hoffnung, im Zuckerhannes einen arbeitsamen und wohlfeilen Knecht zu bekommen, verschwunden.
Im dritten Jahre darauf verlor sie ihren getreuesten Lobredner, nämlich das 265 pfündige Dekanat, welches an einem Schlagflusse plötzlich verschied und von allen Vieh- und Weinhändlern, Amtsleuten und Wirthen schmerzlich vermißt wurde.
Weil die fromme Elsbeth Niemanden mehr besaß, mit dem sie sich von den theologischen Tugenden, von der Erbsünde und andern gottseligen Dingen unterhalten konnte, verlegte sie sich auf das Weltliche und wählte sich unter den Weltkindern Eines heraus, um dasselbe den Klauen des Satanas zu entreißen und für den Himmel einzunehmen.
Dieses Weltkind hieß Wendel und war der stattliche Sohn eines Bäckers des Amtsstädtleins, welcher eine Stubenwirthschaft führte und die Sonne seit vielen Jahren mit Brod versah, nämlich mit seinem Weißbrod, Fastenbretzeln, Butterwecken, Schildbrod, Milchbrod, Ringen, gebackenen Männern mit Zibebenaugen und andern Herrlichkeiten, die der Hannesle schwer verfluchte, bevor er zum Zuckerhannes geworden und dies aus triftigen Gründen. Mußte er nicht jeden andern Morgen Sommers und Winters mit Tagesanbruch in das Städtchen hinab laufen, um den Brodkorb füllen zu lassen, und wiederum daheim sein, wenn es Zeit war, den Schulsack vom Nagel hinter der Wanduhr herabzulangen? War der Wendel nicht schon damals ein großer und muthwilliger Bursche, der seine Freude daran fand, den eingeschüchterten, linkischen Buben auf alle Weisen zu quälen? Und als der heranwachsende Hannes sich nicht mehr Alles gefallen ließ und herzhaft redete, spielte da der Wendel nicht den Stolzen und Vornehmen gegen ihn und pflegte jedesmal, wenn der Bäcker oder die Bäckerin nicht in der Stube standen, in die Küche hinauszurufen. "Vater oder Mutter, kommt, der "Zuckerhannes" will seinen Theil haben und notirt alles gut auf?"
Besagter Wendel zog dann einige Zeit auf die Wanderschaft, stand in Paris hinter einem Backofen und brachte ungemein viel Anstand und Bildung aus diesem Mittelpunkte der Civilisation nach Hause. Als ein wahres Chamäleon wußte er sich in Jedes zu fügen und zu schicken, mit dem er anbinden wollte und der Elsbeth, mit welcher er monatlich einmal abrechnete, so viel Erbauliches von den prächtigen Kirchen, frommen Häusern und gottseligen Personen der Weltstadt zu erzählen, daß sie ihm nicht genug zuhören konnte. Sie wußte recht gut, der Wendel mache den Eltern schweres Kreuz, habe von der Obrigkeit, Sittlichkeit, Weibern und andern Dingen nagelneue Ansichten, welche den bisherigen schnurstraks zuwiderliefen und sprach zu sich:
"Wär' es nicht Jammerschade, wenn ein Mensch, der auf Erden so schön und geputzt wie ein Offizier einherschreitet, ewig im Höllenschlamme versenkt würde? Ist er nicht jung und weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, daß die Jugend erst mit den Jahren nach mancherlei Fällen und Unfällen zur Tugend gelangt? Darf Einer nicht täglich siebenmal fallen und bleibt dennoch ein Gerechter? Ist der Wendel nicht gleichsam ein geborner Wirth, der sich in Alles und gewiß also auch in Treue und Frommheit zu finden weiß? Besitzt derselbe nicht ein ordentliches Vermögen? Und, wenns schlecht geht, hat mich der Herr nicht aus fünf Trübsalen errettet und wird Er Seine Dienerin schon in der sechsten stecken lassen? Gibt es im Himmel nicht sieben Stufen der Seligen, habe ich nicht bereits Anspruch auf die fünfte und kann mich zur sechsten und siebenten emporschwingen? Kurz und gut, wenn ich will, wird der Wendel nicht Nein sagen und Gott kann nicht anders als Ja sagen und uns segnen, weil er mich genau kennt und weiß, daß ich zunächst den Leib haben muß, um meine Seele retten zu können. Lebte nur der Herr Dekan noch, der brächte Alles ins Geleise; einen bessern Heirathsstifter hats im Walde nicht gegeben und der neue ist ein Holzbock im Vergleich zu ihm. In Gottes Namen, das Weib ist zum Jochtragen auf der Welt, ich nehme den Wendel, die Gottlosen mögen darob heulen und mit den Zähnen knirschen!"—
Der Wendel hatte auch Augen und Gedanken, ließ sich herab, das ehemalige Brodträgeramt des entlaufenen Zuckerhannes zu verwalten, feierte seine Sonntage allgemach in der Sonne und es dauerte nicht lange, so ereignete sich das Wunder, daß die Elsbeth eines Sonntages aus der Kirche wegblieb, wie dies Gebrauch bei Leuten ist, welche als Brautleute ausgerufen werden und nicht drei Wochen später stolzirte der Wendel als Sonnenwirth durch das Thal und die Zahl der Freunde, die aus dem Städtlein herüberkamen, um sein Glück in der Nähe zu betrachten, wuchs mit jedem Tage.
Vor der Hochzeit hatte es die ersten schweren Händel abgesetzt, weil es sich schwarz auf weiß herausstellte, daß Wendels Vater zwar kein ruinirter, aber doch keineswegs ein reicher, der Bräutigam vollends ein armer Mann sei, dessen Capitalbriefe nirgends mehr aufgetrieben wurden.
Freilich besaß er einen Onkel, der ein Triberger Packer und tief in Amerika drinnen ein steinreicher Mann geworden war, zur Zeit noch keine Kinder und dabei die Absicht haben sollte, die Verwandten in Europa sammt und sonders zu kleinen Rothschilden zu machen, doch Elsbeth war in Geldsachen erfahren und genau, donnerte und blitzte einige Tage lang und die Leute munkelten, der Pariser sei an die Unrechte gekommen.
Dennoch ward die Hochzeit abgehalten, kein Mensch erfuhr jemals aus Elsbethens Mund, weßhalb diese so nachgiebig gewesen, dafür redete der Wendel desto unverblümter und prophezeite, sein Weib habe überhaupt den Rechten an ihn gefunden, er wisse, was in der großen Welt Mode sei und wie man mit Weibern fertig werde.