Ein Verschwender, Schlemmer, Prozeßkrämer, Spieler, Faullenzer und Anderes mehr, wurde er rasch mit dem Vermögen der Sonnenwirthin fertig, doch mit ihr selbst ist er keineswegs fertig geworden, denn sie hatte die Freude, ihm nach zehn Jahren die Augen zuzudrücken und ließ als "tiefbetrübte, im Thale der Zähren allein stehende Wittib" dem "innig geliebten, sanft und selig dieser mangelhaften Welt entrückten Gatten, dem ehrenfesten, hochachtbaren Herren Wendel" einen Grabstein setzen der noch heute vom Kirchhofe herab ins Thal schaut.

Länger als jeder frühere Mann hat der Pariser mit der Elsbeth gehaust und diese unerhörte Thatsache erklärt sich lediglich daraus, daß er sich weder von ihr bekehren ließ noch darnach trachtete, sie für sich zu gewinnen, sondern mit musterhafter Gleichgültigkeit gegen sie seine Tage verlebte.

Ihren Predigten setzte er Spott und Hohn, ihrem Zorn lautes Gelächter und ihren Todsünden meist die entgegengesetzten Laster entgegen. Der schlaue Mann hatte nicht blos die Geldliebe der Sonnenwirthin vor der Hochzeit überflügelt, sondern auch durch die gefährliche Drohung, der Welt ohne alle Rücksicht auf seine und andere Personen mancherlei Geheimnisse einer für fromm geltenden Seele zu enthüllen, einen Ehevertrag zu Stande gebracht, welcher Gütergemeinschaft und für den Fall einer Trennung für ihn die günstigsten Bedingungen festsetzte.

Es läßt sich leicht denken, wie die Elsbeth sich geberdete, nachdem sie vor dem Ende des ersten Jahres die letzte Hoffnung aufgegeben, den Wendel für sich zu erziehen. Bei etwas weniger Leichtsinn und etwas mehr Ehrgefühl würde er ein Höllenleben geführt haben, allein er fragte nach Allem nichts, was nicht die Befriedigung seiner Leidenschaften betraf und brachte es zu Stande, daß sein Weib, welches er niemals mißhandelte, keinen erheblichen Vorwand oder Beweise zu finden vermochte, die eine Trennung gerechtfertiget hätten.

So kam es auch, daß die Elsbeth keinen sonderlichen Antheil an seinem frühen Tode hatte. Er war nicht ihr Sklave, sondern lebte in der Knechtschaft der eigenen Sünden und Laster, welche sich ihre zweideutigen Freuden mit Wucherzinsen heimzahlen lassen und richtete sich selbst in der Blüthe seiner Jahre zu Grunde.

Dem Leichenbegängnisse folgte eine Zwangsversteigerung, die Sonnenwirthin mußte aus dem ererbten Hause ihrer Väter abziehen und trug außer den stark ins Graue gerathenen Haaren nur wenig Geld mit sich fort, mit welchem sie die kleine Wirtschaft pachtete und einrichtete, wo wir den Zuckerhannes bei ihr gefunden.

Wendels glorreicher Grabstein erklärt sich namentlich durch den Umstand, daß die Elsbeth auf die Ankunft des Vetters aus Amerika hoffte, der jährlich geschrieben, er werde kommen und mehr Eagles und Dollars bringen, als Kirschensteine im Thale gefunden werden könnten. Geschrieben hat dieser Crösus, doch gesandt hat er niemals auch nur einen Penny und ist bis heute ausgeblieben, so daß er den prächtigen Grabstein des Neffen niemals mit eigenen Augen betrachten konnte. Die Elsbeth aber hofft und hofft in Einem fort und weil das Hoffen nicht satt macht, eine Wirthin aber um so toleranter werden muß, je weniger sie besitzt und je kleiner und armseliger die Wirtschaft ist, hat sie allgemach ihr Häuslein zu einer Zufluchtsstätte aller Elenden und Verfolgten gemacht, insofern dieselben noch Einen Kreuzer auszugeben hatten und ist bereits so weit gekommen, offen zu predigen, wir alle glauben an Einen und denselben Gott und ein braver Evangelischer sei ihr tausendmal lieber denn ein zahlungsunfähiger Katholischer. Nicht der Glaube, sondern das Rechtthun sei die Hauptsache, man komme zwar auf der Welt schlecht damit fort, aber man lege sich dadurch viele Pfunde im Himmel an und das irdische Leben sei ja nur ein Augenblick.

Bei der ehemaligen Pflegmutter haust der Zuckerhannes, dieselbe versichert ihn eben, in der Kirche auch für ihn gebetet zu haben und er meint etwas grob, das sei ihm ganz Eins, denn ob er bete oder fluche oder Andere es für ihn thäten, darob kümmere sich weder Gott noch Teufel. Dieses sei ihm im Zuchthause und besonders seit den letzten 5 Wochen klar geworden.

Eine derartige unwirsche Rede an einem so wunderlieblichen Pfingstmorgen tönt nicht gut, zeugt für arg verstimmte Herzenssaiten und bedarf einer Erklärung.

Am letzten Tage, den unser Held im Schlafsaale der Strafanstalt aufdämmern sah, ward er auf die Kanzlei gerufen und erhielt seine Freiheit.