Die Sehnsucht nach der Freiheit war lebhafter als je in ihm geworden, die Erfüllung kam früher, als er gehofft und ein Stich ging ihm durchs Herz, denn die Trennung vom Duckmäuser erschien ihm plötzlich schwerer als das Zuchthausleben und er sah sich vom einzigen Freunde, den er auf der Welt kannte, im Nu durch eine fast unübersteigliche Kluft getrennt.

Ohne den Benedikt noch einmal gesehen und Abschied von demselben genommen zu haben, mußte er nagelneue, ungewohnte Kleider anziehen, welche ihm großentheils von der Regierung geschenkt wurden und das Gutmachgeld betrug ein ganz ordentliches Sümmchen, obwohl er täglich nur 2 Kreuzer erhobelt und Manches für Schnupftaback und Butter ausgegeben, auch ein Gebetbuch und Schreibbücher gekauft und einiges Porto bezahlt hatte.

Gleich einem Träumenden nahm er Abschied von den geistlichen und weltlichen Beamten, sah die Thüre, welche manches liebe Jahr ihm verschlossen geblieben, durch einen ganz leichten Druck auf die Schnalle aufspringen und folgte dem Aufseher, der ihn zur Polizei führte.

Lange hatte er geglaubt, er werde nach der Befreiung kein Jota mehr nach der Welt und den Leuten fragen, doch schon auf der ersten Canzlei, welche er ohne grauen Kittel betrat, fühlte er, daß dieser Glaube auf einer Täuschung beruhe. Manche Anwesenden betrachteten ihn scheel, ein dickköpfiger Jüngling, den das blinde Glück aus einem verdorbenen Lyzeistlein erst vor Kurzem zu einer handwerksburschenquälenden Schreibmaschine umgemodelt, lachte ihm verächtlich und höhnisch in's Gesicht, daß er purpurroth wurde von der Stirne bis zum Halse hinab und die Augen ganz verwirrt zu Boden schlug.

Der Zuckerhannes erhielt seinen Laufpaß und las mit Entsetzen, er müße geradewegs dahin, wo er wenig Gutes zu erwarten und viel Schlimmes zu befürchten, nämlich in die Heimath. Dies war ein Donnerschlag für ihn, er nahm sich das Herz heraus, den Beamten zu bitten, ihm doch einen Laufpaß nach dem Bodensee oder sonst wohin zu schreiben.

Das kleine, spindeldürre Männlein machte Augen, als ob der verwegene Bittsteller auf den Umsturz aller Staaten und Dintenfässer sinne und näselte giftig, er möge sich zum Teufel scheeren, das sei Gesetz im Lande, Geschriebenes sei hier stets unfehlbar und unabänderlich und wenn er Einen Zoll von der Route abweiche, so werde es nicht gut gehen!

"Aber ich bekomme keine Arbeit, ist das Gutmachgeld weg, was anfangen, lieber Herr? Ich muß doch leben!"

"Euer Leben ist nach meiner Einsicht durchaus unnöthig, macht, was Ihr wollt, Marsch!" Der unbesonnene Zuckerhannes sagte noch Etwas und hätte es wahrscheinlich arg bereuen müssen, wenn nicht ein ordentlicher Beamter eingetreten wäre, bei dessen Eintritt Jener gar süß lächelte und einem Diener winkte.

Ein Polizeidiener führte unsern Helden zum Thore hinaus, dann nahm dieser den Weg in den Schwarzwald unter die Füße und dachte unterwegs ungemein viel an die "große Zukunft" des Spaniolen und an die Reden des Exfouriers.

Abends spät gelangte er in der Heimath an. Vom Kirchhofe herüber wehte eine kalte Frühlingsluft, er erkannte keinen Menschen, der ihm begegnete, wollte in kein Wirthshaus, sondern bei den Hausleuten der Katzenlene übernachten. Er fand das alte Haus und auch die alten Bewohner, wie sich nach einigen Minuten herausstellte, aber die Katzenlene fand er nicht mehr, weil diese den Glauben Mancher an ihre irdische Unsterblichkeit durch einen sanften, obwohl raschen Tod schon vor mehreren Jahren widerlegt hatte. Die Leute boten ihm von selbst ein Nachtlager an, nachdem sie jedoch herausgebracht, woher ihr Gast geraden Weges komme, da gab es so seltsame Gesichter und zweideutige Reden, daß der Zuckerhannes auf seinem Stroh, welches man ihm statt des versprochenen Bettes auf den ungedielten Boden der Wohnstube geworfen, bittere Thränen weinte und bei Tagesanbruch mit seinem Bündelein abzog.