Er hatte gehofft, es sei Gras über seine Jugendgeschichte gewachsen und der Name "Zuckerhannes" den Landsleuten nicht mehr geläufig, wurde jedoch früh genug vom Gegentheil überzeugt. Der Vogt, bei welchem er sich melden mußte und gar nicht übel aufgenommen wurde, stellte ihn seinen Buben als ihren alten Schulkameraden den "Zuckerhannesle, welchen die Brigitte selig ledig gehabt" vor und dieser hinkte keine 6 Stunden im Thale herum, so hörte er oft genug hinter sich sagen: "Der Zuckerhannes ist wieder gekommen, dort der große hinkende Mann. Er hat Einen umgebracht und ist grausam lange im Zuchthause gehockt!"
Der Gestellmacher war längst gestorben, die Leute, bei denen er später einige Zeit zugebracht, lebten auch nicht mehr, die alte Welt moderte meist auf dem Kirchhofe, die junge war groß geworden und nahm jetzt deren Stelle ein, der Nachwuchs, der noch in der Wiege schrie, als der Zuckerhannes aus der Sonne entlief, wuchs bereits der Conscription entgegen, gar manches Haus hatte andere Bewohner, die alten hölzernen Hütten mit ihren Dächern von Stroh und Schindeln waren vielfach durch neue steinerne mit großen Fensterscheiben und bunten Ziegeldächern ersetzt, der alten Tracht hatte eine neue und stets wechselnde Platz gemacht.
Kurz, Vieles war anders geworden und selbst die Natur vielfach verändert, mancher Wald ausgeholzt und manche öde Trift in Ackerland verwandelt. Manches gefiel dem Hannes, namentlich die Nachsicht und Gleichgültigkeit, welche jüngere Leute gegen entlassene Zuchthäusler vielfach übten und er freute sich heimlich, weil Brigitte fast ein Dutzend Nachfolgerinnen zählte, die mit vaterlosen Kindern auf den Armen an sonnenhellen Tagen ganz ungescheut umherliefen und selten daran dachten, auf Unterstützung der Gemeinde zu verzichten.
Freilich gab es noch Viele, welche dergleichen Weiber verachteten und verlästerten und nicht gerne mit einem zu thun hatten, der Zuchthaussuppen gegessen, doch viele Andere, besonders unter den Jüngern und Aufgeklärten, waren duldsam und lachten, wo ihre Väter zornig die Fäuste geballt hätten.
Es geschah mehr als einmal, daß im Wirthshause manche Gäste verstummten, die Nase rümpften und wohl vom Tische wegrückten, an welchem sich der Zuckerhannes gesetzt, manchmal auch ein peinliches Gespräch vom Zuchthause anspannen, was ihm sehr wehe that, dagegen fehlte es ihm nicht an Kameraden und sogar an Freunden. Worüber er sich am meisten wunderte, war die Einladung, welche er von der alten Sonnenwirthin erhielt, deren Schwelle er niemals zu übertreten hoffte.
Am ersten Tage schon vernahm er auch, daß sie noch immer eine sehr fleißige Kirchengängerin sei und namentlich durch den Wendel Grund genug bekommen habe, der argen Welt spinnenfeind zu werden, dagegen aber für die Sünden der Welt unmenschlich trinke und beide Augen freudig zudrücke, wenn ein kleiner Profit vor ihr zu stehen schien.
Die Elsbeth lud ihn ein, weil er nicht von selbst kam, überhäufte ihn mit rührenden und zärtlichen Vorwürfen, redete wie die Güte und Liebe selbst, wollte nichts davon hören, daß sie ihm zu einem Kropfe und hinkenden Bein verholfen und ruhte nicht, bis er zu ihr zog gegen ein sehr gering scheinendes Kostgeld, das er für einige Wochen voraus bezahlte.
Elsbeth wußte was sie that. Der Hannes brachte Gutmachgeld und von Bibianens Hinterlassenschaft ward ihm durch die Sorge des braven Zuchthausverwalters noch ein Sümmchen gerettet, welches der Vogt als Pfleger in Händen hatte und womit sich in diesem Thale Etwas anfangen ließ.
Der Vogt und die Elsbeth aber verstanden sich miteinander und hatten ihr Plänchen fertig. Zwei Wochen wollte der Zuckerhannes von seinen langjährigen Strapazen ausruhen und gemächlich thun, dann im Thale oder noch lieber in der Ferne schauen, was zu machen sei. Zunächst mußte ihm die Elsbeth an den Adlerwirth in Hegau schreiben, damit er erfahre, was denn aus der Emmerenz geworden sei.
Der Benedict, ein gewaltiger Verehrer der bessern und schönern Hälfte des menschlichen Geschlechtes, redete am längsten und liebsten von seinen ehemaligen Freundinnen, sorgte auch dafür, daß der Zuckerhannes die Emmerenz nicht vergaß und war es, der ihm beim längeren Schweigen derselben anrieth, Alles wo möglich im Ungewissen zu lassen, nachdem sie selbst nicht geantwortet.