"Ist sie für Dich verloren, dann erfährst Du es noch immer früh genug und sie hat Dich nie recht gerne gehabt; findest Du sie noch ledig, dann weiß man nicht was kommen kann, Du hast bis dahin dir doch das Glück mit ihr recht ausmalen und mit mir hoffnungsvoll davon plaudern können. Sei gescheidt Hannes und denke: Unverhofft kommt oft!" pflegte der pfiffige Benedict zu sagen, und der Freund, der sich in Allem gerne von ihm gängeln ließ, befolgte auch diesen wohlmeinenden Rath.
Nach der Freilassung besaß der Zuckerhannes wiederum Keinen, der sich seiner aufrichtig annahm und ihn liebte, die Hoffnung, sein "Duckmäuserle" jemals auf Erden wieder zu sehen, war gering und er erfuhr, das Leben eines Menschen, der ganz allein auf der Welt dastehe und in Allem für sich sorgen müsse, sei in vielen Dingen leidenreicher und mühevoller als das eines Zuchthäuslers.
Zudem stand er bereits tief in dem Alter, in welchem sich das Herz des Mannes nach einer festen Existenz und bleibenden Stätte, nach einem Weib und Kindern sehnt, an denen er den Freund machen kann und bis zum Tode nicht von ihnen verlassen wird. Die Meisten, welche mit ihm auf der Schulbank gesessen, hatten längst ein eigenes Heimwesen und waren verheirathet, Viele schienen recht glücklich zu leben und Manche hausten wirklich gut, nur er stand noch immer allein und unbeachtet in der Welt da, an seinen Freuden und Leiden nahm Niemand jenen herzlichen Antheil, welchen er wünschte und dies that ihm wehe.
War er doch auch ein Mensch und weßhalb sollte er noch immer als Ausnahme unter den Leuten ruhelos und ziellos gleich Ahasverus herumstolpern?
Es läßt sich denken, wie gewaltig dem Zuckerhannes das Herz klopfte, als er Elsbethens wohlgesetzten und siebenfach versiegelten Brief an den Adlerwirth im Hegau ins nächste Posthaus trug und wie die Vermuthungen über die Antwort den einzigen Stoff seiner vertraulichen Gespräche mit der Pflegemutter blieben. Diese sprach dem Zagenden Trost und Muth ein und weil er fortwährend ein bischen zweifelte und den Kopf schüttelte, bewies sie ihm aus Karten und Kaffeesatz, ein großes Glück stünde ihm bevor, Alles laufe auf eine Heirath hinaus und so sicher sie für ihre Person sei, daß der Kutscher Sepp einmal an ihrem Häuslein halte und den steinreichen Vetter aus Amerika ablade, so zuversichtlich dürfe er hoffen, daß es ihm bald prächtig ergehe. Die Kreuzkönigin wolle nicht wanken und weichen, bei jedem Spiel liege sie obenauf und das sei eine bedeutsame Person.
Etwa 14 Tage nach der Absendung des Schreibens kam ein großer Pack mit Kleidern, worin trotz der langen Zeit die Schaben wenig Unheil angerichtet. In der Seitentasche des fast noch nagelneuen Manchesterkittels steckten zwei Briefe statt eines und weil der vor banger Erwartung zitternde Zuckerhannes nicht wußte, welchen er zuerst erbrechen sollte, so griff die Elsbeth nach demjenigen, der mit einigem Geld belastet war, setzte den Nasenklemmer auf und las ihn zuerst allein in der Küche, dann aber laut dem nebenstehenden Empfänger. Der Brief kam vom Adlerwirth, doch nicht vom Alten, der das Zeitliche auch bereits gesegnet sammt seinem Weibe, sondern vom Jungen, welcher seitdem die Wirtschaft führte und den Zuckerhannes als einen treuen, geschickten und fleißigen Stallknecht kennen gelernt hatte.
Er schrieb, der Zuckerhannes werde wohl nicht gerne drunten im Walde und noch ohne Arbeit sein, deßhalb möge er, falls er wolle, nur herzhaft hinauf an den Untersee wandern und vorläufig im Adler sich als Knecht einstellen lassen. Arbeit gäbe es genug und obwohl die Trinkgelder der Fuhrleute jährlich sparsamer ausfielen, so mache dieses wenig, weil der Sternenwirth an der Straße "ausgelumpt" habe und die alten Gäste desselben jetzt alle im Adler einsprächen. Er sende ihm die Kleider, die "rothe Fritzin" habe dieselben die vielen Jahre hindurch in ihrem eigenen Kasten und Getüchtrog aufbewahrt, Kienholz dazu gelegt, fleißig an die Bohnenstangen ihres Gartens gehängt, ausgeklopft und ausgebürstet, wenn ihr Rother just nicht daheim gewesen.
In der Erwartung, der Schwarzwälder werde kommen und weil er kommen könne, obwohl das Ziel erst am Jörgentag ausgelaufen, sende er zwei große Thaler, welche Dinggeld sein sollten, wenn er komme und als Präsent wenn er nicht komme. Neues wisse er weiter nichts zu schreiben, der Klee sei droben sehr gerathen, die Weinstöcke hätten fast ausgeblüht und die Felchen könne man vor ihrer Unzahl schier mit Händen fangen, was Alles ein ungemein fruchtbares Jahr bedeute. Ein Fuhrmann aus der Baar habe ihm erst voriges Jahr erzählt, der Fesenmichel habe sich zur Ruhe gesetzt und führe ein betrübtes Leben, obwohl sein schlimmes Weib gestorben; die älteste Tochter, Marianne, habe bereits zweimal taufen lassen und sei bisher noch niemals copulirt worden, der jüngste Sohn, der lange Jörg, hause auf dem Hofe und sei dem Aushausen nahe, so daß es ihm ergehen werde, wie dem ältern Bruder, der als Knecht bei ihm diene.
Der Fesenmichel selbst lache ob dem Unglück seiner Kinder, habe noch eine große Erbschaft zu erwarten, welche ihn wiederum zum reichen Manne umwandle und schwöre täglich hundertmal, eher vor seinem Tode Alles dem Narrenhause zu vermachen, als dem Jörg oder einem Geschwister desselben einen Heller zukommen zu lassen. Vielleicht gehe der Fesenmichel doch in sich und werde das Unrecht gutmachen, welches er dem Zuckerhannes angethan.
So schrieb der junge Adlerwirth und so las die Elsbeth, aber der Zuhörer bekam genug an dem Ausdruck "rothe Fritzin" und hörte von allem Andern nichts mehr. Eine Zeitlang stand er ganz versteinert da und schnappte nach Luft, dann schlug er mit der Faust auf den Küchentisch, daß dieser in die Höhe sprang und wackelte, endlich fing er an zu fluchen, fluchte immer lauter, hinkte wüthend zur Thüre hinaus und hätte ihn in diesem Augenblicke Keiner schief anschauen oder gar foppen dürfen, der gerade Glieder liebte.