"Ho, Närrle, wirst doch der Emmerenz nichts schenken wollen?"

"Nein! ... Schreibt hinauf!" sagt der Zuckerhannes bestimmt und fest nach längerem Besinnen.

Richtig gibt die Emmerenz bestimmte Versprechungen, doch soll Alles in kleinen Terminen abgemacht werden und sie will wissen, wozu das Geld nöthig sei und verwendet werde.

"Schreibt, daß ich Euch heirathe und ein Wirth werde. Ists auch ein Lug, so ärgert er sie doch und schadet nicht. Die Termine reichen auch lange Zeit, wahrscheinlich kommt indessen der Vetter aus Amerika, habe ich nichts, so gebt mir Credit oder verschafft Geld. Man lebt nur einmal und ich habe noch nie gelebt!"

Die fromme Elsbeth lachte heimlich, that, was der Zuckerhannes wollte, die alte Wirtschaft dauerte fort, der Bursche fand, man gewöhne sich doch weit leichter und rascher ans Nichtsthun als an Arbeit.

Ein Jahr später war unser Held durchaus nicht mehr demüthig und menschenscheu, sondern ging mit Jedem und bald auch mit Jeder um, die nicht gut bei den "Großköpfen" angeschrieben stand.

Ein eigentlicher Säufer wurde er nicht, obwohl es mehr als einmal in der Woche sich ereignete, daß er nicht mehr wußte, was er redete. Dagegen liebte er die Weiber mit wüthender Leidenschaft; je weniger er sich früher mit denselben befaßt hatte und zu befassen vermochte, desto ärger trieb ers jetzt. Elsbeth war geizig und that sehr Vieles, um das Geld des Pflegsohnes in ihren Kasten zu bringen, doch einen Einzug von zweideutigen Weibern duldete sie durchaus nicht in ihrem Hause, der Pflegsohn mußte anderswo suchen, wornach er gelüstete.

Ein Kropf und hinkender Fuß empfehlen weder bei Schönen der Stadt noch des Landes. Der Inhaber dieser Mängel war nicht wählerisch und hielt sich fast mehr an die Alten als an die Jungen, dennoch mußte er mehr als Ein Halstüchlein oder Stück Zeug zwischen seine Gestalt und die Augen der Erkornen hängen, wenn er gern gesehen sein wollte. Manche derselben befand sich jahraus jahrein in der fatalen Lage, mehrere Anbeter zugleich zu besitzen, so daß sie eine schwere Wahl anzustellen hatte, aber dennoch mit dem Wählen und Vorziehen nicht fertig zu werden vermochte. Darauf ergaben sich manchmal Mißhelligkeiten zwischen Nebenbuhlern und weil Prügel besser ziehen als alle Worte, die Nebenbuhler in der Führung des Prügels als Thalmenschen wohlbewandert und oft arge Hitzköpfe waren, setzte es auch Schlägereien ab. Nahm die Obrigkeit von einer derselben Kenntniß, so vergalt sie zwar nicht Gleiches mit Gleichem, nämlich Prügel mit Prügel, strafte jedoch mit Gefängniß und nahm dabei auf den Zuckerhannes besonders Bedacht, wodurch der Groll und Ingrimm desselben gegen geistliche und weltliche Obrigkeit nicht sonderlich verhindert wurde.

Die Weisheit des Spaniolen, des Exfouriers und ähnlicher Leute wurde in diesem einst so stillen und frommen Thale allmählig verbreitet, der Zuckerhannes ein Träger der Cultur der "großen Zukunft." Von ihm selbst nahmen nur Seinesgleichen etwas an, aber jeder besaß wiederum eine Zunge, dazu Verwandte, Bekannte und Freunde und eine ausgesprochene Ansicht mag Einem recht gut gefallen, ohne daß der Mensch gefällt, der sie ausspricht.

Es sah überhaupt im Thale nicht mehr aus, wie zur Zeit des 265 pfündigen Dekanats. Viele trugen Pech auf den Köpfen, so daß sie die Hüte nicht mehr gut herabbrachten, Haare auf den Zähnen trotz dem feurigsten Grünsesselbrutus und einen souveränen Stolz im Herzen, der die Leute berghoch machte, so daß sie weit über ihr Thal hinaussahen in den heilbringenden Westen.