Ich brauche dem Leser wohl nicht im Einzelnen nachzuweisen, welchen Einfluß die positive Religion auf das Leben ausübe. Wer die Geschichte irgend eines untergegangenen Volkes der Erde vom Anfange bis zu den Endpunkten recht begreifen will, muß sich vor Allem in die religiöse Anschauung desselben vertiefen, denn in dieser wurzelt die Gestaltung der Lebenszustände. Christi Welt- und Menschheitsreligion hätte ohne Einfluß auf das Leben die Welt schwerlich umgestaltet, übt fortwährend mächtigen Einfluß auf Politik und Völkerleben und sogar auf die Nationalökonomie, wie der ungläubigste Nationalökonom bei den wohlhabenden und betriebsamen Quäkern finden könnte.
Der Leser weiß auch mindestens im Allgemeinen, daß Mangel an religiöser Erziehung und noch mehr an Belebung, steigende Genußsucht im Kampfe mit steigender Armuth und Verdienstlosigkeit die Quellen der meisten Verbrechen sind und ich erlaube mir nur Eine Bemerkung.
Viele Sträflinge haben Väter, deren Namen in keinem Taufbuche zu finden und fast bei allen gemeinen und wohl auch bei vielen politischen Verbrechern habe ich eine merkwürdige Lockerung der Familienbande und Zerrüttung der Familienverhältnisse in verschiedener Weise wahrgenommen.
Auflösung und Zerstörung des Familienlebens—dieses Idol hirnloser Utopier—führt Einzelne dem Zuchthause und Völker dem raschen Untergange entgegen und wo Hurerei und Ehebruch als verzeihliche Schwachheiten betrachtet werden, was bei uns häufig der Fall zu sein pflegt, läßt sich von der Zukunft nicht allzuviel Tröstliches erwarten und Büreaukraten und Polizeimänner sind hierin auch wunderliche Volksdoktoren.
Noch weit wunderlicher sind aber hierin viele Erzieher und Mütter und gleichen dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um den Feind nicht zu sehen, der ihn oder seine Jungen zerfleischen will.
Ich finde einen Mangel sehr vieler katholischer Unterhaltungsschriften darin, daß sich die Gestalten derselben weit eher im Himmel und in der Hölle, als auf der Erde und in der lebendigen Wirklichkeit herumbewegen. Man mag sich in einer erdichteten Idealwelt sehr gut gefallen und süße Thränen der Rührung und Freude weinen, aber ich habe in meiner Jugend auch erfahren, daß viele Bücher den unerfahrenen Leser zu sehr in die Idealwelt hineingewöhnen, dadurch die Bekanntschaft mit der wirklichen bedeutend erschweren und es Jedem überlassen, oft mit großen Gefahren und Unkosten mit derselben näher bekannt zu werden. Lauter schneeweiße Tugendhelden und rabenschwarze Lastermenschen, überglückliche Christen und unglückselige Unchristen, lauter verklärte fromme Priester und ganz abscheuliche Gegner derselben—dies Alles ist etwas Unwirkliches, Einseitiges und hat schlimme Folgen, weil der junge Leser den Maßstab der gewonnenen Ideale an die Gestalten des wirklichen Lebens legt, nichts davon weiß, daß die meisten Menschen für den Himmel zu schlecht und für die Hölle zu gut und niemals fertige sondern immerfort werdende und sich entwickelnde Geschöpfe seien und sehr leicht mit der Wirklichkeit, Gott, Welt und sich selbst zerfällt, weil er zuviel von den Menschen verlangt.
Ich für meine Person halte blutwenig vom Nutzen derartiger Unterhaltungs- und Controversschriften, meine, der Schriftsteller sollte Stoff und Charaktere aus der Alltagswelt schöpfen und besonders in Jugendschriften Alles eher zu wenig als zuviel in übernatürliche Höhe schrauben und darnach streben, den Leser nicht der Wirklichkeit zu entfremden, in der er doch einmal leben muß, sondern mit derselben zu befreunden, keck auf alle Schatten- und Lichtseiten eingehen, damit man sich in derselben leichter zurecht finde und alle trüben und hellen und dämmerungsreichen Erscheinungen des Lebens im Lichte der Idee zeigen, damit man nicht eitel Unwahrheit darin sehe und sich gegen dasselbe kehre.
Man braucht die Gestalten des Himmels und gute Menschen nicht in eine erträumte Idealwelt hineinzubannen, denn beide sind auf der Erde aufzufinden; die Gestalten des Himmels wirken hienieden unsichtbar Sichtbares genug, an guten Menschen ist auch heutzutage noch kein Mangel und den Mittelschlag zwischen Guten und Bösen sollte man um so weniger vergessen, weil derselbe im Leben die ungeheure Mehrzahl bildet.
Eines der größten, folgenschwersten und leider allgemeinsten Laster ist die Unkeuschheit und das Schlimmste dabei, daß weder auf der Kanzel noch in Büchern, welche auf christlichen Geist Anspruch machen, von dieser Hydra des Menschengeschlechtes die Rede sein soll. Einem zu weit getriebenen Anstande und einer falschen Schaam wird die ächte Delikatesse und wahre Schaam vieler tausend jungen Seelen geopfert.
Schon Rousseau hat diese verderbenbringende Schönthuerei als Anlaß vieles Bösen und großen Unglückes mit Recht verdammt. Papa lächelt und schweigt, Mama lacht und schilt bei gewissen naiven Fragen des Kindes, auf welche geistliche und weltliche Lehrer keine oder doch keine genügende Antwort ertheilen. Allein das Kind vergißt die Frage nicht mehr, weil der erwachende Trieb es an dieselbe mahnt, es gibt größere und minder gut geartete und wohlerzogene Kinder, gibt furchtbar gewissenlose Dienstboten, gibt Gelegenheiten zu Sünden und nur zu oft springt der junge Mensch der reizenden Sünde lächelnd in die Arme, weil er sie nicht und noch weniger deren Nachwehen genügend kennen gelernt hat.