Genügend? Wo gibt es einen Schutz gegen sittenlose Unterhaltungsschriften und medizinische Bücher? Ich weiß, daß wir in großen Wörterbüchern stundenlang nach gewissen Ausdrücken suchten und gewisse Stellen heidnischer Dichter auswendig wußten, ohne daß der Lehrer darnach je fragte.
Man kann zu sehr hinter dem Berge halten und dadurch wahrhaft gewissenlos an den eigenen Kindern handeln, zumal keine Sünde dem Menschen näher liegt, keine mehr reizt und scheinbar befriediget, keine so rasch und leicht dem leiblichen und geistigen Verderben entgegenführt und betrübtere Folgen für das spätere Leben nach sich zieht, als gerade diejenige, von welcher Eltern, Lehrer und christliche Bücher am allerunliebsten reden, am liebsten schweigen.
Unsere Jugend liest im Ganzen zehnmal mehr als sie zu verdauen vermag und meistens unterhaltende Bücher. Christliche Unterhaltungsschriften schonen das heillose Vorurtheil der Menschen, doch die Zahl unchristlicher Romane, welche das Laster der Unkeuschheit lieber ausmalen und verherrlichen, als andeuten und die traurigen, schrecklichen Folgen desselben schildern, heißt Legion und nicht christliche, sondern unchristliche und sittenlose Bücher sind das Lieblingsfutter der jungen Lesewelt. Es ist mißlich und schwierig, hier etwas Gutes zu leisten.
Natürlicherweise kommt in Zuchthäusern hinsichtlich des sechsten Gebotes Vieles vor, was man in einer nicht sowohl für Gefängnißkundige als für das größere Publikum bestimmten Schrift nur ungemein gemildert auftischen oder durchaus weglassen muß und eine der größten Schwierigkeiten hinsichtlich dieser Zuchthausgeschichten lag für mich darin, einerseits der objectiven Wahrheit und anderseits dem sittlichen Gefühle nicht allzunahe zu treten.
Schon die äußere Rücksicht auf meinen hochverehrten Gönner, den Herrn Professor Stolz mußte mich vorsichtig machen, damit ich durch die im Interesse einer großen Sache nothwendige Profanirung des Kultus und der geschlechtlichen Verhältnisse keinen Anlaß zu gegründeten Beschwerden gebe.
Der zweite Zweck dieser Schrift berührt das Gefängnißwesen.
In diesem Fache können Männer aller religiösen und politischen Farben ein ruhiges und vernünftiges Wort reden und eine beim Volke ebenso unbeachtete, als wichtige Frage der Zeit entscheiden helfen.
Weil ich nicht die Ehre habe, Rechtsgelehrter oder Gefängnißbeamter zu sein, erscheine ich als vollkommen Unpartheiischer und weil ich die Unehre hatte, volle 33 Monate ein Gefangener zu sein, wird es wohl als keine Anmaßung erscheinen, wenn ich Gelehrten von Fach ein klein bischen ins Handwerk pfusche.
Ich habe lange genug unter Sträflingen gelebt, um die unverbesserlichen Grundfehler des Zusammenlebens derselben ausfindig zu machen und fast lange genug in der Zelle, um die Lichtseiten und Schattenseiten des pennsylvanischen Systems an sich und in seiner bisherigen Durchführung kennen zu lernen. Ich versäumte auch nicht, die Jahrbücher von Julius und Varrentrapp und die Schriften berühmter Anhänger der verschiedenen Gefängnißsysteme sammt denen ihrer Gegner zu lesen, habe sogar Ritter Apperts zahlreiche Geisteserzeugnisse, bei denen der Erfolg das Merkwürdigste bleibt, verschlungen und dadurch mindestens die Ueberzeugung gewonnen, daß auch im Gefängnißwesen eine 33jährige Erfahrung die Augen selbst einem Franzosen nicht mehr öffnet, wenn derselbe alltägliche Vorurtheile gegen ein System einmal eingesogen und öffentlich als berechtigte anerkannt hat oder gar, mit einem selbstfabrizirten Systemchen schwanger gehend, in schweren, langjährigen und immer fruchtlosen Geburtsnöthen in der weiten Welt herumkutschirt.
Weil die Gefängnißfrage eine der wichtigsten Fragen der Staatsverwaltung und Rechtspflege ist, so habe ich mich keineswegs mit meinen persönlichen Erfahrungen und dem Lesen zahlreicher Schriften über Gefängnißwesen begnügt, sondern namentlich auch bedacht, daß mich die aufrichtige und bleibende Hochachtung und Liebe, welche ich den geistlichen und weltlichen Beamten des Bruchsaler Zellengefängnisses zollen muß, leicht mit einseitiger Vorliebe für das Isolirsystem erfüllen und unmerklichen Einfluß auf meine Ueberzeugung ausüben könnte.