Die Leute wußten aber auch, daß die schöne Stirne finstere Falten bekomme, die Augen wie höllisches Feuer aufblitzen, die Wangen erbleichen, die frischen Lippen sich krampfhaft verzerren und dem feinen Munde gar grobe und garstige Reden entströmen könnten und wer es am besten wußte, das war die alternde Mutter und wenn den Burschen, die es ehrlich meinten, die weißen, zarten Hände der Brigitte nicht gefallen wollten, so gefiel alsgemach der Marianne die ganze Brigitte nicht mehr.

So lange diese noch ein Kind war, hieß es: "sie hat ein gar zu hitziges Geblüt, ist gleich bös und gleich wieder gut, schlägt halt dem Vater selig nach!"—seitdem aber das Brigittle täglich größer und gröber, störriger und auffahrender geworden und der Mutter nur gute Worte gab, wenn diese nach schweren Händeln in großen Dingen als gehorsame Magd zu Allem Ja sagte, wie sie es jahrelang in kleinen gethan, da jammerte diese: "Gott, was hab' ich für ein Kreuz auf mir und wo hab' ich Solches denn verdient?"

Sie fügte dem Rosenkranz für ihren Bürstenbinder noch einen Rosenkranz für die Besserung ihrer Tochter bei, aber wenn der Rosenkranz für Jenen nicht mehr gefruchtet haben sollte, als der Rosenkranz für Diese, dann ist es dem wüsten Manne der frommen Beterin im Jenseits nicht allzu gut ergangen.

War es kein Glück für die Brigitte, ihre Mutter zu verlieren, so war es schwerlich ein Unglück für Diese, daß sie nach zahllosen Leiden und einer langwierigen Krankheit von Gott geholt wurde, ohne an ihrer Tochter das Aergste erleben zu müssen, was es mindestens damals für eine brave Mutter im Schwarzwalde geben konnte.

Marianne hinterließ den Leuten eine gute Erinnerung an sie, eine wehmüthige an ihr Schicksal und an irdischer Habe zwar keine Schulden, dagegen auch kein Vermögen. Der Bürstenbinder hatte lieber "gebürstet" und heimliche Schulden als Bürsten gemacht und sein Weib die Gläubiger ehrlich bezahlt. Eine vortreffliche Haushälterin hinsichtlich der Kunst des Sparens war letztere niemals gewesen, Brigittens Erziehung kostete auch Geld und dieses Geld wurde nicht ersetzt, weil Brigitte nicht gerne und am allerwenigsten auf dem Felde arbeitete, endlich brachten nach der Mutter Tode Doctor und Apotheker ellenlange Rechnungen; das Grab verschlingt auch noch einiges Geld, obwohl die Todten den Weg in die Ewigkeit ohne Felleisen und Zehrgeld machen und so kam es, daß die Verweiste außer ihrem "G'häs" nichts mehr ihr Eigenthum nennen konnte und ihren Pfleger durch keine schwere Rechnungsaufgaben in Verlegenheit setzte.

Sie redete in den letzten Jahren Vieles davon, die "altfränkische" Tracht, Mutter und Heimath ganz zu verlassen und in Villingen oder gar in dem großen, prächtigen Freiburg ein vornehmes Unterkommen und wohl auch einen Mann zu suchen, allein in der Stadt bekommt man auch wenig geschenkt, man muß arbeiten und Vielerlei erlernen und verstehen, was die Landleute des Gebirges nicht brauchen.

Das Lernen war schon in der Schule Brigittens Sache nicht gewesen, vom Arbeiten befürchtete sie schweren Nachtheil für ihr holdes Antlitz und die zarten Gliedmaßen, der Stolz hielt sie ab, bei einem Hofbauern einen Dienst zu suchen, die Unwissenheit und Faulheit vor Allem hielt sie in der Heimath zurück und eine weitschichtige, kinderlose Base gab ihr Dach und Fach, Kost und Kleider und versprach ihr herrliche Dinge für die Zukunft.

Das "schöne Teufele" hielt bei dieser Base jedoch kaum von Jörgentag bis Johanni aus, denn Base Bibiane hatte auch gar Manches von einem "Teufele" an sich und wo zwei derartige Geschöpfe zusammenkommen, mögen Friede, Freude und Liebe nimmermehr gedeihen und leben die Menschen gleich Verdammten in der Hölle.

Brigitte war faul und befehlshaberisch, eitel und auffahrend, verstand vom Haushalten wenig und vom Sparen gar nichts und unter solchen Umständen würde die beste Frau, geschweige eine launenhafte, zanksüchtige, hartherzige und im Kleinen knickische Bibiane, nicht gut mit ihr ausgekommen sein.

Die Beiden lebten gleich Hund und Katze, doch Brigitte war faul und stolz, die Base forderte keine schweren Arbeiten von ihr und sie wollte doch tausendmal eher bei einer Verwandten leichtes und gutes Gnadenbrod als an einem fremden Tische Dienstbotenbrod essen und zudem war die Base reich, kinderlos und machte in guten Stunden Versprechungen, daß der nach großen Dingen Lüsternen der Mund gewaltig wässerte und das eitle Herz vor Freuden zitterte.