Er hat wenig Menschen gefunden, der arme Hannesle, denen er sich in seinem Leben liebend und vertrauend ans Herz legen durfte, am Grabe der Mutter stand er als der ärmste und verlassendste Tropf des Thales und stand, bis ihn der Todtengräber zuletzt auch von da verjagte!

Brigitte war jung an Jahren und reich an Leiden gestorben, gehörte zu jenen Weibern, welche Kinder auf die Welt setzen, denen sie ihren eigenen Geschlechtsnamen geben müssen und ihre kurze Geschichte darf heutzutage mit traurigem Recht eine Alltagsgeschichte genannt werden.

Ihr Vater ist ein armer Bürstenbinder gewesen, der bei seinem herumziehenden Leben blutwenig Zeit fand, sich sonderlich mit der Religion oder der Erziehung seines Kindes abzugeben und Beides seinem Weibe überließ. Ein Bürstenbinder ohne eine durstige Leber soll eine Kuriosität sein; wir lassen die Richtigkeit dieses Ausspruches dahin gestellt und begnügen uns zu erzählen, Brigittens Vater habe in jeder Hinsicht seinem Handwerke keine Schande machen wollen und vor lauter Trinken niemals Gelegenheit gehabt, sich mit den Seinigen aus der ererbten Armuth ein bischen herauszureißen.

Er starb frühzeitig, wurde in seinem Hauswesen kaum vermißt und sein Weib, die Marianne hat geglaubt, es thue Noth, für seine arme Seele allabendlich mindestens Einen Rosenkranz zu beten, hat denselben auch mit großer Gewissenhaftigkeit bis auf die letzte Zeit ihres Erdenwandels gebetet und die Brigitte hat fleißig mitbeten müssen. Marianne war zeitlich und ewig nicht übel bestellt.

Was das Zeitliche betrifft, so hatten Sorgen und Kummer zwar die ursprüngliche Anmuth und Schönheit ihres Antlitzes zerstört und in ihrer Stube lag Alles unter einander und über einander, so unordentlich und schmutzig, wie bei manchem Trödeljuden, aber hatte sie nicht Antheil an einer Hütte und nannte keineswegs die schlechteste Kammer darin ihr Eigenthum? Besaß sie nicht einen kleinen Krautgarten, zwei Viertel Acker, wo nicht niedriger Hafer und erbsengroße Kartoffeln gedeihen wie droben auf dem hohen Walle, sondern die Gottesgaben der Rheinebene? War die Marianne nicht eine geschickte und fleißige Strohflechterin und verdiente in mancher Woche mehr als sie brauchte?

Wäre nur ihr Mann kein Lump gewesen, die Leutchen hättens schon zu Etwas gebracht, denn sie galt mit Recht allenthalben als ein "rechtschaffenes Mensch" und es war ihr mit der Religion Ernst, mindestens wußte der strengste Pfarrer wenig an ihr auszusetzen außer der übergroßen Zärtlichkeit für die kleine, hübsche Brigitte.

Vielleicht weil die Frau ihren Mann nicht zu lieben vermochte und stets froh war, wenn er ging, hing sie ihr ganzes Herz an das einzige Kind und fand in diesem ihren besten Erdentrost.

Sie weihte das "Brigittle" in alle hohen Geheimnisse und schönen Lehren der Religion ein, zeigte demselben in ihrer eigenen Person vielfach auch eine handelnde Katholikin, was eine Hauptsache aller katholischen Erzieher ist, und ihr betrunkener Mann gab ihr Gelegenheit zum Dulden und Ertragen genug, aber ihr Töchterlein mit Ernst und Strenge zu Etwas anzuhalten, Solches brachte sie niemals übers Herz und sie hat diese unglückselige Schwäche später bitterlich bereut.

Brigitte hörte Gottes Willen und sah denselben befolgen, wurde aber durch die Mutter daran gewöhnt, ganz nach eigenem Willen zu leben und dadurch so verdorben, als man in einem Thale verderbt werden mag, wo alte Tracht und alter Glaube sammt den alten Sitten und Gebräuchen noch vorherrschten und nicht viel Verkehr mit der übrigen Welt zu finden war.

Mit 16 Jahren hieß die Brigitte weitum das "schöne Teufele" und dies nicht ganz mit Unrecht. Die Kleider nach uraltem Schnitte entstellten zwar die wohlgebaute Gestalt, doch unter dem gelben Strohhute schaute eine schneeweiße Stirne hervor, die schwarzen feurigen Augen paßten recht gut zu dem schelmischen Stumpfnäschen und das gesunde Roth der Wangen schien der Abglanz der frischen Lippen des freundlichen Mundes zu sein, der den stolzesten Burschen des Thales allerlei weltliche Gedanken erregte.