Der Zug ist sehr klein; voran trägt ein pausbackiger Bube mit schwarzen Augen und rothen Wangen stolz ein einfaches Kreuz und man weiß nicht, ob er mehr auf die kurzen Lederhöschen und den nagelneuen Manchesterkittel oder auf seine vorübergehende Würde als Kreuzträger sich Etwas einbildete. Ihm folgt ein sehr einfacher Sarg von vier Männern getragen, deren bescheidener Anzug und gleichgültige Gesichter verkünden, daß ihnen das Leben wenig gegeben und der Tod nicht das Aergste wäre, was ihnen zu Theil werden könnte. Hintendran kommt der Geistliche, ein großer junger Mann mit blonden Haaren und mild freundlichen Gesichtszügen, auf denen ein ganz besonderer Schmerz zu liegen scheint; neben ihm wandeln seine Diener und dicht hinter diesen baarfuß und im elendesten Aufzuge ein Bube, dessen rothgeweinte Augen den Leidtragenden anzeigen und den ein stattlicher, behaglich aussehender Bauer an der Hand führt. Zwei bis drei Männer und ein Dutzend Weiber, deren schwefelgelbe runde Strohhüte, dunkelfarbige schwere "Juppen" und Rosenkränze an die "gute alte Zeit" mahnen, vollenden das Geleite.
Die Leute beten und man würde ihr Gebet eintönig und mechanisch nennen dürfen, wenn nicht Eine Stimme vor allen andern laut und kräftig sich vernehmen ließe. Es ist die der dicken Sonnenwirthin, der Elsbeth, welche weitum im Geruche der Frömmigkeit steht und selbst von sich rühmt, ihr unabläßiges Beten und Kirchengehen habe sie in ein besonders großes Ansehen bei unserm Herrgott gebracht; sie sei im Stande, Einen auf die Beine oder unter den Boden hinabzubeten und fünf Männer hättens bei ihr erfahren, wo Barthel den Most und der Teufel gottvergessene Seelen hole. Weil Gott gerecht und sie die Elsbeth sei, deßhalb stehe die Sonne auch als eines der stattlichsten Wirthshäuser des ganzen Waldes da und wenn Gott ihr den sechsten Mann und vielleicht doch noch ein Kind schenke, so müsse neben die alte Sonne ein neuer, drei Stock hoher Gasthof hingestellt werden, wie keiner in Friberg oder Villingen zu finden. Das Beten helfe zu Allem.
Gleichsam als wolle der Himmel die fehlenden Thränen der Leichenbegleitung ersetzen, fällt ein feiner Regen aus den grauen Wolken herab, der Zug bewegt sich rascher auf dem schlüpferigen Wege die Anhöhe hinauf, das Bergsteigen macht außer der Elsbeth die Beterinnen stumm und Alle sind froh, wie sie endlich den Sarg neben einem frisch ausgeworfenen Grabe des Gottesackers stehen sehen.
Der junge Geistliche scheint am wenigsten Rücksicht auf das üble Wetter zu nehmen, verrichtet mit gewohnter Andacht und Würde die üblichen Liturgien, spricht das sonst so mechanische miserere und de profundis mit ganz besonderer Ergriffenheit und scheint nicht zu bemerken, daß der Sarg, der an den raschelnden Seilen ins Grab gesenkt wird, nicht genügend in die Tiefe sinke.
Beim Einsegnen des Grabes wirft er noch einen tiefbewegten Blick auf den Sarg, der leidtragende Knabe beginnt von Neuem zu schluchzen und wimmert still vor sich hin, der Weihwasserwedel geht aus einer Hand in die andere, die Leute sammeln sich unter ihren Regendächern und gehen fort, auf dem Heimwege entschuldiget Jedes die Mängel und erhebt Jedes die Tugenden der Verstorbenen.
"Ach, würden doch die Menschen den Lebendigen dieselbe Nachsicht und viele Liebe erweisen, wie sie den Todten thun!" sagte der junge Geistliche zu der dicken Sonnenwirthin, welche ihn unter ihren Schirm eingeladen hat und die Elsbeth beginnt alle Gutthaten aufzuzählen, die sie in einer Reihe von Jahren der verstorbenen und so eben begrabenen Brigitte erwiesen haben wollte.
Der Begrabenen? So schnell geht die Sache nicht und um uns davon zu überzeugen, dürfen wir nur zum Kirchhof noch einen Augenblick zurückkehren, wollen auch zugleich eine Art von Leichenrede hier halten.
Der Todtengräber hat diesmal nicht wie sonst nach Beendigung der Feier in die Hände gespuckt und zum Spaten gegriffen, sondern zunächst die Seile unter dem Sarge fluchend weggezogen und dann ist er in das Grab hineingesprungen und auf dem Sarge herumgetreten, denn das Grab war schief und schlecht gehauen und der Mann mußte das Gewicht seines Leibes noch durch Sprünge vermehren, bis der Sarg in die gehörige Tiefe hinabgedrückt war.
Halbzertrümmert gelangte er daselbst an, der Todtengräber hat die arme Brigitte zum Abschied von der Welt mit den letzten der vielen Tritte bedacht, deren sie im Leben theilhaftig wurde, der leidtragende Bube hat thränenlos und erschrocken zugeschaut und ist stehen geblieben, bis das Grab der Mutter beinahe gänzlich ausgefüllt war.
Er mochte dunkel fühlen, die ganze Erde sei für ihn jetzt ein großer Kirchhof und vielleicht das Beste, wenn er auch drunten läge in der stillen kühlen Grube der Mutter.