Wenn auch das Isoliersystem allmählig in ganz Europa aufkommen und herrschend würde und je nach den verschiedenen Ländern und Volkscharakteren sich in der Durchführung mehr oder minder verschieden gestaltete, was nicht ausbleiben kann und nicht ausbleiben wird, so werden einzelne Strafanstalten mit gemeinsamer Haft doch als Ausnahmen sich stets erhalten und der Grundsatz der Abschreckung mehr oder minder ausschließlich in denselben ein kümmerliches Fortleben fristen.
Es gibt nämlich Kategorien von Sträflingen, welche nicht in Zellen taugen und deren Versetzung in dieselben nach meiner unmaßgeblichen Ansicht etwas ungerecht und zweckwidrig zu sein scheint.
Darunter gehören vor Allem Sträflinge von sehr schwächlichem Körperbau, mit schwacher Brust oder großen Kröpfen, ferner Wasserköpfe, an denen offenbar nichts zu bilden ist und schwerlich Etwas verbessert wird. Ältere Leute, welche selten mehr so fertig das Schreiben und Lesen lernen, um aus Büchern Unterhaltung, Belehrung und Bildung schöpfen zu können, Gehörlose, weil dieselben unter Sträflingen selten viel verderben und nicht gründlich verderbt werden können, während sie anderseits als Zellenbewohner der vornehmsten Tröstungen und fast jeglicher Unterhaltung der Mitgefangenen beraubt sind, endlich Verbrecher, welche das 55. Lebensjahr bereits überschritten und das eigentliche Interesse an Verbrechen und am Leben überhaupt mehr oder minder verloren haben, zuletzt Leute, welche besondere Anlagen zu Seelenstörungen zeigen, möchten wohl als unbrauchbare Invaliden der einsamen Haft auch am füglichsten zusammenbleiben. So weit meine Vorgeschichte der Zuchthausgeschichten.
Freiburg, am Charfreitag 1853.
J.M. Hägele, Privatlehrer
Der Zuckerhannes.
[Kinder und Jugendleben.]
Ein trüber, regnerischer Septembermorgen schaut langweilig genug in die Thäler des Schwarzwaldes hinein, die Vorhügel rauchen gewaltig, den höhern Bergen statten graue schwere Regenwolken just einen Besuch ab und wenn nicht zuweilen ein Schuß oder das Geschrei eines Raben von den höhern, finstern Tannen, welche bis zum Waldbache herabgestiegen, herübertönte, könnte man leicht meinen, alles Leben im Wald und auf den Bergen sei verstummt, vor Verwunderung über den Besuch, den nach langer Dürre und arger Hitze die Wolken des Himmels dem sonst so befreundeten Gebirge wieder machen.
Dagegen gehts im Thale nicht so still zu.
Murmelnd und jauchzend, brausend und tobend in wilder Lust ob der neu verjüngten Kraft läuft und springt und stürzt der Gießbach über Stock und Gestein durch das Thal mit seinen grünen Matten, stolzen Obstbäumen, vereinzelnten Hütten und stattlichen neuen Häusern, an denen von bemoosten Strohdächern, altersgrauen Schindeln und gebräunten Brettern nur noch wenig zu entdecken ist. Eintönig und verstimmt klingt ein Glöcklein durch das Thal und ein Leichenzug bewegt sich so eben an der kreischenden Sägemühle vorüber einem Kirchhofe zu, dessen weiße Mauern und dunkelen Kreuze von einer steilen Anhöhe herabschauen.