Fast sechs geschlagene Jahre lebte der Hannesle in ihrem Hause, ist jedoch kein Christ, sondern der "Zuckerhannes" geworden, als ein Krüppel an Leib und Seele in die weite Welt gelaufen und hat der Pflegmutter in seinem ganzen Leben keinen Dank für ihre viele Mühe und Sorge gewußt, sondern im Zuchthause behauptet, in der Sonne sei ihm der Sträflingskittel angemessen worden.
Die Religion der Elsbeth wurzelte keineswegs in der übernatürlichen Liebe zu Gott und zum Erlöser, sondern in der natürlichen Liebe zu sich selbst. Sie liebte weder Gott noch die Menschen, dagegen ihre eigene Person über alle Maßen, hinter ihrem frommen Gebahren stand die liebe Eitelkeit, ohne daß sie selbst darüber zur Einsicht kam.
Heutzutage würde sie eine etwas wunderliche Figur spielen, wenn sie ihre Rolle nicht umkehrte, denn die Ehre, als eine rechte Katholikin zu gelten ist bei weitem nicht so groß als die, der aufgeklärten und freisinnigen Welt anzugehören. Damals war in dem entlegenen Thale dies noch anders und stand die Sonnenwirthin um so höher bei manchen Frommen angeschrieben, weil Wirthsleute sich in Allem, folglich auch in religiösen Dingen gemeiniglich nach ihren Kunden zu richten pflegen.
Wirthe und Kaufleute vor Allem sind die berufenen Schildträger der Toleranz auf der breitesten demokratischen Unterlage und haben die Holländer vor Allem um des Handels willen ihr Christenthum bei heidnischen Völkern nicht bloß thatsächlich sondern auch mit Schwüren ernstlich in Abrede gestellt, so haben ihre Haupterben, die Engländer, aus demselben Grunde laut glaubwürdigen Berichten bis auf die neueste Zeit die menschenmörderischen Feste des Götzen von Dschaggernaut verherrlichen helfen und auf Ceylon zu Ehren des Teufels alljährlich viel Pulver verschossen, was an Frohnleichnamstagen in Altengland erspart wurde.
Wir wollen daraus weder Mynheeren noch John Bull einen besondern Vorwurf machen, weil man nicht wissen kann, ob die Deutschen nicht ebenso duldsam und fügsam geworden wären, wenn sie es bisher zu einer ordentlichen Seemacht gebracht hätten; jedenfalls muß man auch bei uns selten in Kaufläden oder Wirthshäusern suchen, wenn man erträglichen Einfluß des Christenthums auf Handel und Wandel entdecken will und holten die Gelehrten, welche jeden solchen Einfluß läugnen, ihre Ansicht wahrscheinlich da, wo sie Tuch für ihre Röcke kaufen oder ihr Schöpplein zu sich nehmen.
Zur Sonnenwirthin hätte Keiner kommen dürfen, der fest in solcher Ansicht bleiben wollte und schon ein Judenbart würde ihm eine Zeche zugezogen haben, daß er schwerlich zum andernmal gekommen wäre.
Ein intoleranteres Weib als die Elsbeth gab es schwerlich auch zu ihrer Zeit im ganzen Schwarzwalde und sie machte aus ihrer Unduldsamkeit nicht das mindeste Hehl. Sie betete für Bekehrung der Heiden, fürchtete die Türken, haßte die Juden, verabscheute die Protestanten und schimpfte eifrig über Geistliche und Laien, welche ihr nicht katholisch genug waren.
Es gab Leute, welche behaupteten, die dicke Sonnenwirthin habe Gott sammt allen Heiligen beständig auf den Lippen, dagegen zehn Teufel im Herzen und an sich alle Mängel, welche ein schlimmes Weib zu tragen vermöge. Gegen fromme Menschen sind Unfromme leicht eingenommen und weil diese zu allen Zeiten die Mehrzahl bildeten, darf man hinter argem Geschrei nicht sofort viele Wolle vermuthen; auch ist die Elsbeth längst unter dem Boden, von Verstorbenen soll man nicht leicht Schlimmes glauben, zudem preist ein schöner Grabstein mit goldenen Worten so viele Tugenden der alten Sonnenwirthin an, daß gar kein Tadel aufzukommen vermag und unter solchen Umständen wollen wir die Verstorbene kurz und wahrheitsgetreu im Lichte der sieben Todsünden betrachten, Christenmenschen so gut als möglich vertheidigen und den Hannesle als Zeugen mitspringen lassen.
Die Verläumder behaupten, die Elsbeth sei von Hoffart so erfüllt, wie ein ins Wasser geworfener Schwamm, habe in ihrem Leben niemals geweint, außer wenn man ihrem guten Rufe einen Druck gab und wehe that und suche durch frommes Gebahren nicht Gott, sondern nur sich selbst zu verherrlichen. Sicher bleibt, daß man nur an ihrer Schönheit, ihrem Reichthum, an ihrer Billigkeit, Tugend und Religion einen leisen Zweifel aussprechen durfte, um lebenslänglich von ihr angefeindet und verfolgt zu werden, allein sie befeindete und verfolgte dergleichen Zweifler in der löblichen Absicht, diese zur Einsicht ihrer Gottlosigkeit und Verworfenheit zu bringen und zu bekehren und arbeitete in dieser Hinsicht so rüstig für den Himmel, daß sie ihre eigenen fünf Männer als arge Zweifler unter den Boden hinabdisputirte und dem Hannesle ein Bein abschlug, weil derselbe einmal im Zorne behauptete, die Pflegemutter thue nur vor den Leuten fromm und sei daheim und besonders gegen ihn ein Drache, wie die Katzenlene auch gesagt habe.
Vom Geize der Sonnenwirthin wußten Gäste, Dienstboten, Bettler, Verwandte und Schuldner Unerhörtes zu erzählen; wirklich trieb sie alle einträglichen Betrügereien, welche ein Wirth zu begehen vermag, ohne mit dem Amte und leeren Gastzimmern zu thun zu bekommen und jene machen jährlich oft mehr aus, als ein halbes Zuchthaus voll Spitzbuben in zehn Jahren stiehlt. Allein sie zwang ja durchaus Niemanden bei ihr einzukehren, der keine besondere Geschäfte mit ihr hatte, zahlte geringen Lohn, damit die Knechte und Mägde nicht übermüthig würden und forderte bei schmaler Kost schwere Arbeit, damit die Anfechtungen des Teufels dieselben nicht leicht übermannten.