Bet' und arbeite! hieß ihr Wahlspruch und wenn ein Bettler damit nicht zufrieden war, mußte ihn der Nero oder Sultan zum Hause hinausbellen, damit er lerne, sich fleißig zu rühren. Niemals hat man ein Beispiel erlebt, daß sie einem Zinsmanne die Frist verlängerte oder einem bedrängten Familienvater mit einem Kapitälchen aus der Noth half, dagegen zahlte sie ihre Schulden sehr ungerne, um die Gläubiger in der christlichen Geduld zu üben und ließ Jeden in der Noth stecken, damit die Bedrängten ihr Vertrauen mehr auf Gott als auf Menschen setzten. Der Hannesle hat bis zu seinem Tode behauptet, sich in der Sonne nur dann satt gegessen zu haben, wenn die Elsbeth betrunken war oder nach Friberg oder Löffingen wallfahrtete und die große Schaar von Knechten und Mägden, welche jährlich in die Sonne ein und ausgewandert, habe beim Fortgehen mindestens einige Zentner des eigenen sündhaften Fleisches zurückgelassen, was der gerechte Himmel unserer Frommen zweifelsohne sehr hoch angerechnet haben wird.
Von der Unkeuschheit der Sonnenwirthin wußte man wohl am meisten zu erzählen und ihre Männer sollen schwer darüber geseufzt haben, allein sie hatte das Unglück, niemals Einen zu bekommen, welcher ihr längere Zeit blieb, entlassene Dienstboten haben böse Mäuler und weil der Hannesle erst zu ihr kam, als sie bereits über Vierzig war, niemals etwas Unrechtes merkte und es ganz in der Ordnung fand, daß sie allabendlich mit dem Oberknechte nach dem Fortgehen der Gäste sehr lange allein blieb, um die Rechnung des Tages zu stellen; endlich weil er hundertmal anhörte, wie sie ungeberdige Gäste auf feine oder grobe Weise zur Ruhe verwies, keine Liebschaft unter ihrem Dache duldete, Nachts im ganzen Hause herum patrouillirte und in alle Schlafkammern sorgfältig hineinleuchtete, so wollen wir über die Jugend, das Eheleben und Gebahren der Wittib den dichtesten Mantel der christlichen Liebe werfen.
Elsbethens Feinde sagten, sie beneide die Nachbaren um die Regentropfen, welche auf deren Wiesen und Aecker fielen, könne ein mit Kindern gesegnetes Weib kaum anschauen, seufze, so oft einem Thalbewohner etwas Gutes begegne und preise Gott, wenn Jemand von schwerem Unglücke heimgesucht wurde, allein gibt es Etwas, was eher Lob denn Tadel verdient, so ist es Elsbethens Neid, weil ihr Neid kein Neid, sondern eher Liebe gewesen sein kann. Sie wußte, wie sorglos, selbstvertrauend und übermüthig das Glück die Menschen mache und wie die Noth beten lehre, daher ihre Trauer über das Glück und ihre Freude über das Unglück der Mitmenschen. Den Hannesle betrauerte sie wegen seiner hübschen Gestalt und prophezeite, dieselbe werde ihm zeitliches und ewiges Unheil zuziehen, wie dies bei seiner "gotteslästerlichen" Mutter der Fall gewesen. Als der Bube vom vielen Wassertrinken einen Kropf bekam, wollte sie durchaus von keinem Rezepte Etwas vernehmen; die Halszierde wuchs, verhärtete und gedieh ganz ausgezeichnet und würde ein lebenslängliches Andenken an die Sorge der frommen Pflegemutter um sein ewiges Heil daran besessen haben, wenn sie ihm auch niemals ein Bein abgeschlagen hätte.
Von Elsbethens Unmäßigkeit munkelten und lärmten böse Zungen erst in spätern Jahren. Zwar erfreute sie sich stets eines sehr gesegneten Appetites, aß vielleicht zu viel, was die Hausgenossen zu wenig bekamen und weil ihr Leib mit den Jahren einem auf zwei Klötzen einherwandelnden Fasse glich, welchem fast nur die Reifen fehlten, ist nicht zu verwundern, daß sie für Füllung des zunehmenden Fasses zunehmende Sorge trug und dem Liqueur, welchen sie seit der ersten Ehe Abends zu sich zu nehmen pflegte, allgemach unter Tags immer mehr Gläslein als Vorposten und Plänkler vorausschickte.
Weil schon der Hannesle die Sonnenwirthin häufig betrunken sah und dann die besten Stunden bei ihr verlebte, dieselbe in spätern Jahren wirklich zur Trunkenboldin wurde und dadurch Hab und Gut meistens einbüßte, Unmäßigkeit im Trinken jedoch zu den Todsünden gehört, so müssen wir etwas gründlich die Wahrscheinlichkeit erwecken, auch der Vorwurf dieser Todsünde schließe eine Verkennung und Anschwärzung in sich.
Wir behaupten, das Trinken der frommen Elsbeth sei keine Todsünde, kaum eine läßliche Sünde, sondern wohl die größte ihrer Tugenden gewesen. Weßhalb? Ei, sie trank nicht um des Trinkens willen, nicht einmal für sich, sondern für die Sünden der Welt. Oberflächlich und grundlos ist oft der Vorwurf, ein Säufer liebt das Saufen an sich und gäbe sich zum Vieh herunter, denn wohl die Meisten betrinken sich nur, um ihr Elend zu vergessen. Ein Betrunkener steigt keineswegs zu den Thieren herab, welche freiwillig sich niemals betrinken, sondern von den Unglücklichen zu den Glücklichen der Erde hinauf; so lange er noch auf den Beinen zu stehen vermag, ist er ein Glücklicher, ein König, ein Gott und sinkt er unter den Tisch, so beweist er ja klar, daß er die Erde mit all ihren Leiden, Qualen und harten Dingen nicht mehr kenne und das größte Glück genieße, welches sehr gelehrte und tiefsinnige Heiden aufzutreiben und zu nennen vermochten, nämlich das Glück der Vergessenheit ihrer selbst und aller Dinge.
Je älter unsere Elsbeth wurde, desto deutlicher erkannte sie, wie sehr die Welt im Argen liege und wie unverbesserlich die Menschen, wie himmelschreiend die Sünden der meisten Thalbewohner seien und in ihren letzten Lebensjahren sprach sie es manchmal laut aus, Gott hätte schon längst Feuer auf den ganzen Schwarzwald und über ihr Thal zuerst regnen lassen, wenn Er nicht um weniger Gerechten willen die sündhafte Menge noch eine kleine Weile verschonte. Sie vermochte die Menschen immer weniger zu achten und zu lieben, wenn sie nüchtern war; die Liebe ist jedoch das erste und größte Gebot unserer Religion und weil die Liebe aus Elsbethens Herzen herausgepumpt wurde, je höher der Stand des Alkohol im Magen war, so trank sie fleißig und weil die Welt täglich schlechter wurde, mußte sie um der Nächstenliebe willen täglich und jährlich auch mehr trinken. In der Trunkenheit war sie die beste Seele von der Welt, schlug einem Dienstboten keine Bitte ab, half Nothleidenden, schrieb Quittungen und Schuldscheine für Jeden der es haben wollte und so lange sie eine Feder zu halten vermochte und zum Schlusse stammelte sie oft die glühendsten Gebete für das Wohl aller Menschen zum Himmel empor.
Dieser Zug einer im Leben vielfach verkannten und am Ende nur noch von einem Grabstein gegriesenen [gepriesenen] frommen Seele ist um so beachtenswerter, weil er für Elsbethens tiefe Selbstkenntniß Zeugniß ablegte. Diese wußte sehr wohl, daß sie ein hitziges Geblüt und eine zornige Gemüthsart zur Welt gebracht habe und daß ihr Haß gegen die schlechte Welt mit der Liebe zu Gott wachse und zunehme. In ihrer Kindheit war sie nicht hart und bitter gegen die Welt gewesen, durch Trinken versetzte sie sich in den Zustand der unbefangenen, weil unwissenden Kindheit zurück, deßhalb war ihr Trinken auch ein ernstlicher Kampf gegen das eigene sündhafte Fleisch und besonders gegen ihre Zornausbrüche und Zanksucht.
Zwar ging ihr Zorn vom Himmel aus, weil sie die bodenlose Verderbtheit und endlose Heuchelei der Nachbarn gründlich erkannte und nicht mit ruhigen Augen anzusehen vermochte. Wenn sie Jemanden schwer beleidiget, gekränkt oder beschädiget hatte, so fand sie Trost in dem Gedanken, Gott lasse Niemanden etwas Böses widerfahren, ohne daß Er seine Gründe dafür habe und sie sei wohl nur ein Werkzeug des göttlichen Zornes, aber alle ihre Beichtväter bekämpften solche Ansicht, mit geistlichen Herren wollte und durfte sie es nicht ganz verderben, zumal der Kapitelsdekan im Thale wohnte und dieser Umstand ihrer Wirtschaft und ihrem Rufe der Gottseligkeit ebensoviel zu schaden als zu nützen vermochte. Sie gestand deßhalb ihre sündhafte Neigung zum Zorne zu, fand sich jedesmal im Beichtstuhle ein, wenn sie ihrer Jachheit und ihrer Rachsucht volles Genüge gethan und weil trotz Beichten und Beten ihr Herz jährlich mehr gegen die Mitmenschen verhärtete, so machte sie immer eifriger Gebrauch von der Entdeckung, das Trinken sei ein probates Mittel, um die Liebe wach zu erhalten und Anfechtungen des Zornes vorzubeugen.
Für unsern Hannesle war Elsbethens gallichte Gemüthsart ein sehr heilsames Mittel der Besserung und müssen wir nur bedauern, daß das Mittel bei ihm nicht recht anschlug und die von Brigitten ererbte Neigung zum Zorn die Quelle manches Unheiles für ihn wurde. An der Pflegmutter erkannte er die ganze Abscheulichkeit dieses Lasters, sein Kopf und Rücken samt allen Gliedmaßen verspürten täglich die wehethuenden, schmerzlichen Folgen desselben und weil er lernen mußte, den eigenen Zorn zu verbeißen und sich zu beherrschen, wenn er nicht trotz dem ärgsten Russen geprügelt werden wollte, so wurde der von Natur offenherzige und ehrliche Hannesle verschlagen, hinterlistig, falsch und heimtückisch.