Für den ungerechtesten aller Vorwürfe, welchen ihre Feinde aufs Tapet brachten, hielt Elsbeth den der Trägheit und nimmermehr vermochte sie es zu fassen, weßhalb das 265pfündige Dekanat der einzige Beichtvater blieb, welcher ihr keine lange Predigt über diese Todsünde machte.

Mit diesem dicken Seelenhirten stund die dicke Sonnenwirthin insbesondere deßhalb auf freundschaftlichen Füßen, weil er sie als die rührigste und thätigste Hausfrau und Wirthin des ganzen Schwarzwaldes gelten ließ und pries. Ihn zahlte sie zu den wenigen Gerechten des Thales, das Dekanat leistete der reichen, stattlichen Elsbeth denselben Dienst. Auf diese Weise bekam auch der junge Vikar, welcher die Brigitte begraben und sich des Hannesle angenommen hatte, von vornherein eine vortreffliche Meinung von der Sonnenwirthin und als diese den Hannesle so willig und freudig unter ihr Dach aufnahm, vergoß der gute Mann fast Thränen der Rührung über die Beweise christlicher Barmherzigkeit, die er hier und sogar bei einer Wirthin gefunden. Wie der Mensch ist, so schaut er auch die Welt an, bevor er dieselbe genauer kennen gelernt und sich eine richtige Weltanschauung gebildet hat.

Der Selbstsüchtige sieht lauter rohe und verfeinerte Selbstsucht, der Glaubenslose eitel bewußten und unbewußten Unglauben und eigennützige Heuchelei der Frommen, der Stürmische lauter offenen und heimlichen Krieg ohne entscheidenden Sieg; unser Vikar besaß ein tiefes, herrliches Gemüth und einen lebensvollen Glauben an Christum und dessen Weltkirche, hegte die beste Meinung von den Menschen, übte große Nachsicht gegen Andere und merkte zu spät, welchen Bock er geschossen, indem er den Waisen der Zucht der frommen Elsbeth anvertraut hatte, welche bei Messen, Bittgängen, Leichenzügen und Brüderschaften die Vorderste war und alle vier Wochen mindestens einmal beichtete und zum Tische des Herrn ging.

Er schenkte den schlimmen Gerüchten, welche über die Betschwester im Schwange gingen, um so weniger Glauben, weil dieselbe auch in der Kunst der Verstellung ihren Meister suchte und trotz der besten Advokaten Alles zu verdrehen und zu lügen verstund, seine Seele dagegen kein Arg und keine Falschheit kannte und weder die Sonne noch der Bär oder ein anderes Wirthshaus der Ort war, wo er oft und gerne weilte.

Allmählich wurden ihm die Augen hinsichtlich des Characters der dicken Sonnenwirthin ganz geöffnet und zwar durch die Katzenlene.

Diese Katzenlene hieß Magdalena, im Thale aber die Katzenlene, weil ihr Mann, ein blutarmer Taglöhner, ein außerordentlicher Liebhaber des Katzenfleisches gewesen und das Volk der Mäuse an manchem Dutzend ihrer Todfeinde blutig gerächt haben soll.

Der Vikar hatte viel Seltsames von diesem alten, eisgrauen Mütterchen gehört, welches Tag und Nacht, Sommer und Winter in einem altersbraunen, dämmerungsreichen Hinterstübchen einer einsamen Strohhütte saß und niemals in eine Kirche oder zu andern Leuten kam, weil es an beiden Füßen seit 27 Jahren gelähmt war.

Die Einen wußten viel von merkwürdigen Prophezeiungen der Katzenlene zu erzählen, welche aufs Haar eingetroffen sein sollen; Andere glaubten, es sei bei der Alten nicht ganz geheuer, dieselbe stehe mit Geistern im Bunde, nehme höchstens zum Scheine ein bischen Speise zu sich und könne weder gesund werden noch sterben bis zum jüngsten Tag. Viele behaupteten, es sei unmöglich, der Lene etwas Schlimmes nachzusagen und wer in ihre Nähe komme, dem werfe sie Zauberblicke zu, daß er von der Stunde an nur eine gute Meinung von ihr haben könne.—Andere berechneten, wieviel diese Zauberin durch ihr Stricken verdiene und fanden, dieselbe gebe beinahe ihren ganzen Lohn den Armen und lasse sich nicht bewegen, das Gewand, welches sie seit Menschengedenken trug, mit einem neuen zu vertauschen oder statt Habermus und Milch, wovon sie und ihre Katze lebten, etwas Besseres zu genießen. Die Gutthätigen erzählten, es müsse Einer oder Eine bei der Lene schon hoch angeschrieben und ein rechtschaffener Christenmensch sein, bevor sie auch nur einen Apfel oder eine Birne von ihr annehme und Manche, welche im Rufe des Leichtsinnes oder in einem noch übleren standen, versicherten, sie würden das Hinterstübchen der Alten nicht betreten, wenn man ihnen auch zehn Karlinen verspräche. Das 265pfündige Dekanat wußte nichts Genaues von der Lene, dagegen erzählte die Elsbeth Vielerlei, woraus hervorgehen sollte, die alte Madlene trage ihren Taufnamen mit vollem Rechte, weil sie in ihrer Jugend ein leichtfertiges, gottvergessenes Ding gewesen, deßhalb von Gott schwer heimgesucht und bis zur Stunde im Begriffe sei, die Sünden alter Zeiten abzubüßen.

Am Begräbnißtage Brigittens hatte ein Büblein dem jungen Geistlichen einen halben Gulden gebracht und gesagt, das Geld sei von der Katzenlene, der Herr Vikar möge es nehmen und dafür eine heilige Messe für die Verstorbene lesen. Der Vikar gab das Geld zurück und besuchte Nachmittags die Geberin, von der er schon Manches vernommen hatte.

In einem niedern, dunkeln Stüblein, dessen einziger Schmuck ein armseliges Bett, ein alter Tisch von Tannenholz und ein mit zerrissenem alten Leder überzogener Großvaterstuhl war, saß ein Weiblein mit schneeweißen Haaren und armseligen "G'häs" und: