Er aber sagte sich von der Stunde an von Allen los, welche keine Schuhe trugen, hielt zu den Herrenbauernbuben, die Eltern derselben drückten ein Auge zu und die Sonnenwirthin lobte ihn, weil er sich nicht mehr mit "Gesindel und Bettelvolk" abgebe.
Die Frühlingssonne hatte den Schnee noch nicht von den saftiggrünen Matten hinweggeschmolzen, da zweifelte der Hannesle schon stark, ob er nicht in seinen Kleidern einen recht elenden kleinen Menschen stecken habe und allgemach verblaßte zwar die Erinnerung an das ungebundene Leben beim Gestellmacher und bei den spätern Pflegeältern, er gewöhnte sich in seinen Zustand hinein und es dauerte jahrelang, bis er die Sonne verließ, aber später sagte er oft, hier sei es ihm beständig gewesen, als ob ein Mühlenstein auf seinem Herzen läge und ein schweres Wetter über seinem Haupte stünde und nach der Flucht sei es ihm vorgekommen, als wäre er ein Vogel, der jahrelang in einem kleinen Käfig gefangen saß und trauerte, um des Futterkastens willen sitzen blieb und zuletzt beim Fortfliegen nach den freien Wäldern sich neugeboren fühlte und nichts von des Lebens Mühen und Sorgen wüßte.
Wer das Schul- und Hausleben des armen Burschen betrachtet und dazu bedenkt, daß die Lichtstrahlen der Wahrheit und Liebe in Jesu Christo immer spärlicher in sein verdüstertes und vereinsamtes Gemüth fielen, wird dem spätern "Zuckerhannes" billig Manches verzeihen.
Auf dem Lande hat die Jugend zwei große Vortheile vor Stadtkindern.
Zum Ersten nämlich werden die Kinderfreuden nicht durch die tägliche Qual des vielstündigen ununterbrochenen Sitzens auf der Schulbank allzusehr versalzen, man geht nicht darauf aus, aus ihnen lauter Gelehrte machen zu wollen und quält sie nicht mit endlosen Schulaufgaben; zum Zweiten sitzen Buben und Mägdlein in Einer Schulstube, theilen Mühe und Freuden, gewöhnen sich an einander und gewinnt das Verhältniß beider Geschlechter einen Charakter, welcher großen Einfluß auf das spätere Leben und zwar einen der Religion und Sittlichkeit wohl günstigern ausübt, als das mißtrauische Trennen und Scheiden in größern Städten.
Beider Vortheile ging der Hannesle durch die Elsbeth verlustig.
Er mußte die Schule pünktlich besuchen, denn sie mochte das Pfarramt nicht erzürnen und ebenso wenig dem Volksbildner unverdientes Geld geben, doch selten bekam der Bube an Werktagen und Feiertagen ein freies Stündchen, weil er entweder beten oder arbeiten oder Beides zugleich thun mußte und war er einmal frei, so hatte er entweder an blauen Malen und Beulen herumzudrücken, mußte den Obstgarten oder etwas Anderes hüten oder es fehlte ihm an Gespielen.
Die armen Buben haßten und verfolgten ihn, wie es früher die Andern gemacht und diese hielten nicht zu ihm, weil sie entweder zu stolz waren oder weil er sich nicht mit ihnen viel abgeben konnte. Einige Schulkameradinnen waren in der Nachbarschaft und gar oft schaute er betrübt beim Garnwinden, Kartoffelschälen, Holztragen und andern Geschäften ihren frohen Spielen zu, allein ans Mitmachen durfte er nimmermehr denken, wenn er auch Zeit dazu gehabt hätte, denn die fromme Pflegemutter würde ihn gesteiniget haben, ohne einen Grund dafür laut werden zu lassen außer dem seltsam klingenden Spruche: "Die Sünde geht herum wie ein brüllender Löwe und sucht, wen sie verschlinge, absonderlich wenn Einer eine hübsche Larve hat!"
Von Knechten, Mägden und Gästen erhielt er freilich oft genug Aufschlüsse, doch zum rechten Verständniß derselben kam er nicht, dachte vorläufig niemals darüber nach und es darf als wahre Fügung Gottes gelten, daß er in gewissen Dingen sehr einfältig blieb, weder sah noch hörte, bis er als Jüngling in die heillose Lasterschule eines Amtsgefängnisses gerieth, wo er die Welt mit minder unschuldigen Augen als bisher betrachten lernte.
Zweifelsohne hat das viele Arbeiten und die schmale Kost das Gedeihen seines Leibes aufgehalten, damit aber auch das Verderbniß seiner Seele hinsichtlich des sechsten Gebotes, denn im Ganzen hat die dicke Sonnenwirthin den Hannesle so recht für das Zuchthaus und die Hölle erzogen.