Seine Hoffart bekämpfte sie durch tägliche und stündliche Mahnung an sein Herkommen und seine Armuth, sein Selbstgefühl ging durch die demüthigendste und niederträchtigste Behandlung unter, welche er nach dem Beispiele der Hausherrin von den meisten Dienstboten, vom Oberknecht bis hinab zum Roßbuben und zur "Saumagd" erdulden mußte. Ihr Geiz lehrte ihn das Geld als den wahren Erdengott schätzen und ihre Habsucht ließ ihm alle Mittel zum Erwerben gleich gut erscheinen, wenn sie nur nicht zur Amtsstube führten, was durch Verhehlen, Pfiffigkeit und Läugnen verhindert werden konnte. Daß der Bube die Reinheit seines Gemüthes nicht schon während seines Aufenthaltes in der Sonne einbüßte, daran hatte Elsbethens Benehmen und Gerede sammt dem der übrigen Bewohner und mancher Gäste blutwenig Verdienst. Der Neid blieb ihm sein Lebenlang ziemlich fremd, doch das Beispiel der Pflegemutter und noch mehr die große Summe dessen, was er entbehren mußte, während es den meisten Menschen zu Theil geworden, hätten bei größern Anlagen zu diesem Laster den Neid zu einer ingrimmigen Höhe emportreiben müssen und in spätern Jahren ersetzte der Haß die Leistungen des Neides. Von Unmäßigkeit konnte bei ihm keine große Rede sein, er sah die abschreckenden Folgen dieses Lasters täglich vor Augen und ist niemals ein Gewohnheitssäufer geworden, dagegen hat ihn Elsbethens übertriebener Anspruch auf die Genügsamkeit Anderer und die Lust zum Naschen, welche er aus dem Häuslein des Gestellmachers brachte, frühzeitig genug zum Stehlen geführt und sein Gewissen weit gemacht. Elsbethens Zorn besserte den seinigen nicht, sondern unterjochte denselben der Angst und Furcht und verkehrte ihn in naturwidrige Heuchelei, Hinterlist und Heimtücke.

Der Trägheit hinsichtlich des Arbeitens widersprach sein quecksilbernes Naturell und noch mehr das Machtwort der Pflegemutter, und was Trägheit zum Guten heißt, hat dieselbe Pflegemutter ihm zwar gründlich gezeigt, doch hat er diese Lehre niemals recht erfaßt.

Er haßte die Elsbeth von ganzem Herzen; am meisten verwünschte er ihre Frömmigkeit, weil dadurch seine Arbeit unsäglich vermehrt wurde. Das Beten der Dienstboten vor und nach dem Essen wollte kein Ende nehmen, er aber mußte vorbeten, bis er heiser wurde. Eine fleißigere Kirchgängerin als die Pflegmutter gab es schwerlich auf zehn Stunden im Umkreise, bei jedem Gange zur Kirche mußte aber der Hannesle an ihrer Seite sein, gleichsam als wolle sie Gott und Menschen stets daran erinnern, welche Wohlthaten sie einem Vertreter der Armuth spende und das Aergste für diesen war, daß sie während des Gottesdienstes nicht nur scharf zusah, ob er sein Gebetbüchlein richtig halte, beim Verbeugen und Kreuzschlagen sich keine Blöße gebe und die Lippen stets bewege, sondern auch forderte, er müsse über alle Mienen, Geberden und Reden der Kirchgänger genauen Bericht abstatten. Wußte er nichts zu erzählen, dann regnete es Ohrfeigen, meldete er unangenehme Wahrheiten, dann ließ sie ihre Wuth an ihm aus und brachte er angenehme Lügen vor, so schaute sie ihn mit durchbohrenden Blicken an, er pflegte anfangs zu erröthen und verwirrt zu werden oder später sich zu widersprechen und jedesmal erhielt er dann eine doppelte Portion, weil er die Kirchgänger nicht fleißig oder richtig beobachtet und noch dazu gelogen habe.

Die Kundigern meinten sammt dem Beglückten, die Sonnenwirthin habe nach dem Tode ihrer Männer einen Sündenbock ihrer Launen und Untugenden anschaffen müssen, welcher Aussicht auf langes Leben und keine Aussicht auf Erlösung aus ihren Klauen besitze und die Kosten des Sündenbockes würden durch die Arbeiten desselben mehr als vergütet, an ihr sei ein schlauer Diplomat verloren gegangen!—Eine Reihe von Jahren verlebte Brigittens Sohn bei der Elsbeth und was diese säete, wuchs und gedieh und sie mußte es allgemach einerndten.

Ein kindliches Gemüth versteht die tiefsten Geheimnisse der Religion, weil es die Liebe versteht, die Liebe zu den Eltern und Geschwistern bildet für das Kind die Brücke zur Wanderung und Vertrautheit mit den Gestalten des Himmels.

"Wie Jeder ist, so ist sein Gott, darum wird Gott so oft zum Spott!" sagt Göthe sehr wahr und, fügen wir bei, weil der Mensch wird, was man aus ihm macht, so mußte ein Leben ohne Liebe und Freude den Hannesle dazu führen, daß er zuerst die Menschen fürchtete, Zutrauen und Glauben an sie verlor, die angeborene Liebe des Gemüthes in Haß und Selbstsucht untergehen ließ, dann das Verständniß der Religion der Liebe verlor, den Gott des Hasses und Zornes fürchtete, mit den Jahren gleichgültig und feindselig gegen denselben wurde und den einzigen und höchsten Zweck des Erdenlebens in der Erfüllung selbstsüchtiger Wünsche erblickte.

Aller Religionsunterricht, alles Beten und Kirchenrennen und Empfehlen religiöser Gesinnungen fruchtet bei der Jugend wenig, wenn Eltern, Erzieher und Andere durch ihr Beispiel denselben keine handelnden Christen zeigen.

Tagtägliche Uebertretungen der Gebote Gottes von Seite der Großen werden den Kleinen allmählig zu Widerlegungen der Lehren der Religion und Rechtfertigungen der religiösen Gleichgültigkeit und des Unglaubens, zumal keine Religion der Erde den Interessen der erwachenden, schmeichelnden Selbstsucht des Kindes schroffer und herber entgegentritt als gerade das Christenthum.

Der tausendjährige Fortbestand mancher heidnischen Religionen erklärt sich leicht aus dem Anschmiegen ihrer Lehren an die Selbstsucht des Menschen, der bald zweitausendjährige Fortbestand der Weltkirche Jesu Christi bleibt an sich ein Wunder der göttlichen Vorsehung, wie der anfängliche Sieg des Christenthums über die heidnische Welt.

Gerade weil der Zuckerhannes ein an sich ganz gewöhnliches Menschenkind und seine Geschichte zunächst eine Alltagsgeschichte gewesen ist, wie es deren viele Tausende gibt, wir aber zunächst den wohl unästhetischen, doch sehr leicht zu vertheidigenden Zweck im Auge haben, die Mitschuld der Gesellschaft an den Sünden, Lastern und Verbrechen des Einzelnen einmal klar nachzuweisen, haben wir auf die Gefahr hin, ein bischen langweilig zu werden, die Einflüsse hervorgehoben, welche auf den jungen Hannesle wirkten und denselben zu einem Zuchthausbruder machen halfen.—