Nicht still, denn dafür sorgte die Pflegmutter mit vielen Andern, wohl aber einförmig und freudlos flohen dem Buben beinahe 3000 Tage dahin, welche er in der Sonne verlebte und das Besondere, was ihm aufstieß, läßt sich mit kurzen Worten abmachen.

Der Vicar hatte die Lebensfreudigkeit, Rohheit und Unarten des Bübleins gesehen, als dasselbe noch baarfuß und mit zerrissenen Zwilchhöslein im Thale herumsprang. Er kam anfangs oft in die Sonne, vernahm manches Untröstliche von der Wirthin, welche schwer über das selbst auferlegte Kreuz der Erziehung eines Halbwilden seufzte und prägte dem Lehrer sehr unnöthig große Strenge gegen den Hannesle ein, dessen scheues, niedergeschlagenes Benehmen trotz der bescheidenen und höflichen Manieren ihm nicht recht gefallen wollte.

"Der Bube ist nicht glücklich, er begreift die heilsame Strenge seiner Behandlung noch nicht, es wird bald besser werden und besser gehen, denn die Sonnenwirthin ist ein gescheidtes Weib und eine musterhafte Katholikin!" dachte der Geistliche, mußte jedoch bald erleben, daß der Bube weder wie ein Glücklicher dreinschaute noch wie ein unbefangenes Kind that.

Bei der Katzenlene fand er nicht sogleich Aufschluß, denn diese kannte nur noch wenige Leute des Thales und unter diesen die Sonnenwirthin als eine reiche, stolze, entfernt wohnende Person nur vom Hörensagen, der Hannesle selbst versicherte stets, daß es ihm sehr wohl ergehe, Frau Elsbeth an ihm als einem verlassenen "unehrlichen" Buben den Himmel verdiene und sich dem Herrn Vicar höflichst empfehlen lasse.

Letzterer bemerkte, daß der Bube sich vor ihm verkroch, bei jeder Frage zitterte, wenn von der Sonne die Rede war und seine Antworten gemeiniglich mit Thränen würzte. Die Katzenlene, andre Leute und die eigenen Augen brachten ihn zuletzt doch zur rechten Einsicht; er wollte der Elsbeth Lehren geben, aber da kam er schlecht weg! Eine alte und berühmte Christin, die fünf Männer und elf Kinder in den Himmel gesandt und bei Gott zweifelsohne im höchsten Ansehen stehen mußte, ließ sich von einem blutjungen Vicar nichts vom Erziehungswesen einreden, das war aus und vorbei!—

Der Wohlthäter des Hannesle hatte es gut gemeint, als er ihn der Elsbeth übergab und hierin lag sein Trost; er hatte es schlecht angefangen, den Bock zum Gärtner gemacht und bereute es tief, allein ändern ließ sich die Sache nicht mehr.

Er strebte auf alle Weise darnach, das Zutrauen des Mißhandelten zu gewinnen, aber dieser fürchtete alle Herren, sah ihn als Urheber seines Unglückes an, glaubte ihn im Einverständniß mit der zornigen Pflegemutter, ließ sich nicht fangen und beharrte auf seiner unnatürlichen, stummen Rolle.

"Komm, wir gehen zu deiner Großmutter;" spricht der Vicar an einem schönen Sommernachmittag zu dem Buben. Dieser schaut zuerst ihn, dann die dicke Sonnenwirthin an, diese nickt bejahend und er geht voll Verwunderung, was das für eine Großmutter sein werde, zu welcher ihn der geistliche Herr führe, ohne daß die Pflegemutter es verbiete.

Er wußte von einigen Vettern und Basen, der Gestellmacher trank zuweilen einen Schnaps in der Sonne, die Bauernleute, bei welchen er zuletzt gelebt, traf er an Sonntagen auf dem Kirchgange, doch die Sonne verlassen und ohne Vorwissen der Pflegemutter ein anderes Haus betreten, galt als eines der schwersten Verbrechen, welches er zu begehen vermochte; er beging es nicht, weil die Angst ihm alle Freude verdarb und von einer Großmutter, die noch unter den Lebendigen wandle, hatte er noch nie gehört.

Jetzt führte ihn der Schützer in das Stüblein der Katzenlene.