War die Katzenlene nicht eine Base der Marianne selig und damit auch der Brigitte selig? Hatte Marianne mit der kleinen Brigitte nicht zuweilen ihre Zuflucht in dieses Stüblein genommen, wenn der betrunkene Bürstenbinder sie schlagen wollte, ihr sonst ein großes Wehe oder auch die Langeweile auf dem Herzen lag? Saß Brigitte nicht oft genug auf dem Fensterbänklein, bevor sie mit dem langen Michel bekannt wurde und hat die Lene sie nicht auch noch später einigemal eingeladen? Konnte diese nicht die Großmutter des Thales und absonderlich die des Hannesle heißen?—Der Geistliche blieb eine Weile, versprach der Alten, ihr künftigen Sonntag wiederum den Leib des Herrn in die Hütte zu tragen und ging, um nach einigen Stunden wieder zu kommen und den Buben abzuholen.
Von dieser Zeit an kam letzterer oft zur Katzenlene und diese hat mit ihren wundersamen Historien von heiligen und unheiligen Menschen dem Knaben eine neue, bisher unbekannte Welt erschlossen und Vieles gethan, um die Liebe zu Gott und den Menschen im jungen Herzen wach zu erhalten. Der Hannesle hat die alte Frau unsäglich lieb gewonnen, doch die Geschichten derselben verbitterten ihm das Leben in der Sonne mehr als sie es versüßten und die Liebe des Erlösers zu den Menschen wußte er nicht mit dem Leben und Treiben der Thalbewohner zusammenzureimen. Er betrachtete die fromme vielbetende Elsbeth, verglich sie mit der frommen, vielbetenden Katzenlene, sah das fromme und hochangesehene Dekanat und den frommen, minder angesehenen Vicar und wußte sich in den vielerlei Arten von Frömmigkeit am Ende gar nicht mehr zurecht zu finden. Er hätte am liebsten sterben und zu der Sonntagsmutter kommen mögen, denn Freude an der Welt und an den Menschen empfand er täglich weniger.
Gelbveigelein und Rosmarin blühten zum zweitenmal auf Brigittens Grab, als der Vicar wandern mußte und damit hatten auch die Besuche des Buben bei der Katzenlene ein Ende und der letzte, welchen er einmal verstohlener Weise machte, trug ihm bittere Früchte ein.
Es schien, als ob mit dem Vicar der Schutzgeist des Buben Abschied genommen habe, denn war die Elsbeth bisher unmenschlich gewesen, so wurde sie jetzt oft mehr als unmenschlich und hatte beim Hannesle bisher nicht Alles seine Richtigkeit, so verfiel er jetzt rasch aus einer Untugend in die andere, setzte dem Hochmuthe Trotz, dem Zorn Heimtücke, dem Geize Diebstahl, dem Neide Schadenfreude, der Lieblosigkeit tiefen Haß entgegen und je musterhafter und frommer sein Benehmen auf den ersten Anblick zu sein schien, desto hohler und fauler sah es inwendig in ihm aus.
Der Gestellmacher hatte selten einen Gang in das Amtsstädtchen oder in ein anderes Dorf gemacht, ohne dem Hannesle, dem Herzkäfer etwas Gutes mitzubringen, die Sonntagsmutter am eigenen Munde gespart, um ihr Büblein zu erfreuen. Ostern, Kirchweihen, Jahrmärkte und Klausentage waren hohe Feste für ihn und er hatte die Woche über sich immer auf Etwas zu freuen. Bei der Elsbeth bekam er weit Besseres, dagegen auch weit weniger Essen als vorher und von besondern Leckerbissen oder Geschenken war keine Rede. In einem Wirthshause liegen einem Hungernden Versuche des Naschens und Stehlens sehr nahe, namentlich wenn er von Zeit zu Zeit erleben muß, daß alle Hausbewohner Bescheerungen erhalten und er allein leer ausgeht. In der Sonne hieß es: wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse, denn hinter dem Rücken der sparsamen, haushälterischen Wirthin verdarben, veruntreuten und stahlen die Knechte und Mägde zehnmal mehr, als dies der Fall gewesen sein würde, wenn jene billiger und gütiger gewesen wäre.
Ihre Habsucht erzeugte täglich Veranlassung zu schweren Sünden Anderer und ihr Geiz trug als Frucht Verschwendung. Alle Dienstboten hielten gegen die Herrin zusammen und betrogen sie gleichmäßig. Hannesle, so klein er war, sah Manches und plauderte, wurde von der Pflegemutter deßhalb nicht besser behandelt, dagegen von den Verrathenen desto schlimmer. Mancher Dienstbote suchte ihn zu gewinnen und gescheidt zu machen, der Bube sah Vieles, freute sich darob, schwieg und befand sich nicht übel dabei. Was Pfarrer und Lehrer und Elsbeth selbst predigten, fand in der Sonne bei den Erwachsenen keine Geltung, weßhalb sollte ein geplagter, oft genug hungernder Bube es befolgen? Er begann auf eigene Faust zu stehlen, schritt von einem Stücklein Zucker allgemach zu einem ganzen heimlichen Magazin von Eßwaaren fort und stibitzte bei guter Gelegenheit zuerst Kreuzer, Sechser, Sechsbätzner und nachdem er einmal mit kühnem Griffe einen Brabanter genommen und nach achttägiger Angst unentdeckt geblieben war, lernte er allmälig stehlen, ohne daß ihm die Finger zitterten und das Herz pochte. Eine Magd kam hinter sein Waaren- und Geldmagazin, ihre schrecklichen Drohungen machten den Buben zu ihrem Sklaven, er stahl fortan für sie und diese versorgte ihn dagegen mit süßen Herrlichkeiten, welche einem Bettelbuben so vortrefflich schmecken wie dem verzogensten Stadtkinde. Seine Hehlerin gerieth einmal in scharfe Händel mit einer andern Magd und diese wußte im ersten Zorn nichts Besseres zu thun, als der Sonnenwirthin die Augen über die Untreue der Feindin zu öffnen, diese dagegen machte den Pflegsohn zum Sündenbocke und ein mit Zuckerwaaren halb angefüllter alter Trog sammt einem Leinwandsäckchen mit Münzen aller Art gab der erstarrenden Elsbeth Einsicht in die langfingerigen Anlagen des Hannesle, wenn auch keine in die Früchte ihrer Erziehungsweise.
Beide Mägde wurden augenblicklich fortgeschickt; wie es dem Buben erging, läßt sich denken und nur der Umstand, daß sie denselben so grausam schlug, um den Bader herbeirufen und Amtsgeschichten befürchten zu müssen, bewirkte, daß der Hannesle noch länger im Hause bleiben durfte. Elsbethens ärgster Zorn verrauchte, der Bube rutschte vor ihren Füßen herum und winselte erbärmlich, um dableiben zu dürfen und durfte bleiben. Doch weit entfernt, den Fehltritt desselben verständig zu beurtheilen und klug zu verschweigen, erfuhr jeder Gast die Beweise, welche der gottlose Hannesle für den Undank der grundverderbten Welt geliefert, sie selbst führte denselben nach der Genesung in die Schulstube und erzählte den Kindern, was ihr Mitschüler verschuldete und wie sie den Hannesle fortan nur "Zuckerhannes" rief, also riefen ihn fortan auch die Altersgenossen und Erwachsene.
Brigittens Sohn erhielt durch diesen Beinamen die Taufe des Verbrechers und hat denselben niemals wieder verloren.
Der verachtete "Bankert" war ein beargwohnter und gemiedener Spitzbube geworden, die Verachtung Aller vernichtete sein Ehrgefühl, machte ihn boshaft, weil feindselig gegen die Menschen. Er fühlte wohl, seine Strafe sei nicht unverdient, doch im Grunde hatte er blos das Beispiel der Erwachsenen befolgt, diese erndteten weder Verachtung noch Verfolgung, die Unversöhnlichkeit, welche gegen ihn bewiesen wurde, verbitterte sein Gemüth und seine Selbstliebe schmeichelte ihm den vornehmsten Glaubensartikel der Spitzbuben ein, wornach nämlich nicht sowohl das Stehlen, als das Ertapptwerden etwas Schändliches und Strafwürdiges ist.
Den Namen "Zuckerhannes" bekam er im dritten Jahre seines Aufenthaltes in der Sonne und noch mehr als diesen Namen quälte ihn die Furcht, der gute Vicar und die Katzenlene würden Alles erfahren.