Als ich mein Todesurtheil vorlesen hörte, erschrak ich gar nicht, sondern behauptete meine Unschuld und forderte Untersuchung. Ich hatte wirklich gar nichts vom Vorhaben der 11 Italiener gewußt, verstand ja kein Italienisch und dies zog. Die Spitzbuben hatten mich sogar als Rädelsführer angegeben, doch der Zwölfte meiner Stubenkameraden, der die Andern verrathen hatte, weil sie nicht auf ihn warteten, bezeugte jetzt, daß ich von Allem gar Nichts wissen konnte, Andere bezeugten auch meine Unkenntniß der Sprache, die Leute auf dem Holzschiffe beschworen, ich sei nur auf das Schiff geklettert, weil man mir die Schaluppe genommen habe und das Ende vom Lied hieß, daß ich frei, der eigentliche Rädelsführer erschossen, die Andern auf das schwere travaux nach Straßburg gebracht wurden.
Im Anfange des Jahres 1807 wurde unser Regiment nach Spanien eingeschifft; wir landeten glücklich in Cadiz und hatten von dem heißen Lande und wüthenden Volke genug auszustehen; es ging blutig und barbarrisch her, mancher brave badische Offizier und Soldat könnte auch genug davon erzählen. Bei einem Treffen bekam ich Gelegenheit, meinem ehemaligen Kapitän vom 16. Regiment mit Hülfe eines Andern das Leben zu retten, ich wollte wieder zu diesem Regimente und brachte es dazu. Schon im Jahre 1808 kam das 16. Regiment aus Spanien zurück und blieb 10 Stunden von Paris in Garnison bis 1812, wo wir nach Rußland mußten.
Alles, was ich bis dahin ausgestanden hatte, selbst der Krieg in Spanien war Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich in Rußland erlebte. Die fürchterliche Schlacht bei Borodino, der Einzug in Moskau und vieles Andere, was ich sah und erlebte, gäbe ein dickes Buch. Leider kann ich keines schreiben, zudem bin ich der arme Paule stets geblieben und unsereins kann Alles ausstehen, es kräht kein Hahn darnach, während Alles die Ohren spitzt, wenn ein General oder anderer hoher Herr nur ein bischen Bauchgrimmen bekommt! ... Das Beste war, daß ich bei einem französischen Regimente diente, denn Napoleon schonte seine Franzosen, schickte die Deutschen und Andere am liebsten in den dichtesten Kugelregen und ins Elend! ... Die Deutschen sind von jeher das einfältigste Volk gewesen, schlugen für den Napoleon und meinten, es ginge um Gott und Vaterland, wir Franzosen nannten sie nur "Kanonenfutter," lachten sie offen und heimlich für ihre Dummheit aus, aber in der Schlacht verloren auch wir genug Leute und auf dem Rückzuge nahm das 16. Regiment ebenfalls ein Ende wie das Hornberger Schießen!
Um es ganz kurz zu machen und nur von mir zu erzählen, berichte ich, daß ich nicht über die Beresina kam, sondern gefangen wurde, wie tausend Andere auch. Wir fielen wie die Mücken um Allerheiligen und es war uns fast Eins, was die Kosaken, diese wüsten, säuischen und doch gutmüthigen Leute mit uns anfingen, bis sie uns in den Klauen hatten und über die Schneefelder fortprügelten. Noch jetzt sehe ich oft im Traume die unabsehbaren Ebenen, die endlosen Tannenwälder und eingeschneiten Dörfer des Czaren im bleichen Mondlichte da liegen und mich und meine Kameraden, wie wir bei der grimmigen Kälte der sternenhellen Winternacht fast nackt und hungrig, verwundet und krank von russischen Soldaten fortgestoßen, auf elende Schlitten geschmissen und vom Volke mißhandelt, am Barte herumgerissen und umbrüllt wurden!
Ich war der Rüstigste von Allen, versuchte tief in Rußland den Kosaken durchzubrennen, doch ich kam nicht weit und dann gings nicht christlich, sondern auf gut russisch zu, man mißhandelte und schlug mich, daß ich für todt auf dem Platze liegen blieb.
Endlich marschirte ein Bataillon ins Dorf, ein Offizier sah mich daliegen und redete mich französisch an, aber mein Hals war so arg geschwollen, daß ich keine Silbe hervorzubringen vermochte.
Der Offizier ließ mich aufheben, in ein Feldspital bringen und ich wurde erträglich verpflegt, sah und hörte Alles, was um mich vorging, doch das Reden hatte ein Ende und ich befand mich kaum im Stande, ein wenig Brühe zu mir zu nehmen.
Neben mir lag ein badischer Unteroffizier Namens Ernst, der wunderte sich nur, weßhalb ich allmählig genas und hatte großes Mitleiden mit mir. Er lebt noch heute, mindestens ist er vor Kurzem noch Amtsdiener gewesen, ich dagegen hocke da bei Euch und warte auf meinen siebenzigsten Geburtstag! ... Im Feldspitale nahm sich ein russischer Bataillonsarzt meiner besonders an, es war ein geborner Baier, kannte viele Sprachen und freute sich, weil ich mir Mühe gab, russisch und polnisch zu erlernen. Von Hause aus war er blutarm, doch wegen seiner Sprachkenntnisse und sonstiger Tüchtigkeit ward er bald befördert, kam in ein großes Militärspital in Warschau und nahm mich als seinen Diener mit. Ohne diesen guten Mann wäre ich wohl als genesen entlassen und nach Asien hineintransportirt worden und es kommt sehr darauf an, ob der Paul auch einen Schneider von Pensa gefunden hätte, wie die badischen Offiziere und Soldaten, die unter dem Markgrafen Wilhelm nach Rußland zogen! ... In Warschau bekam ich es gut, erhielt viele Kleider, weil viele Soldaten starben, verkaufte dieselben in der Stadt in welche ich oft kam und besonders zu einem Wirthe, der mit Pelzwerk handelte und eine Wienerin zur Frau hatte.
Diese Leute waren reich und konnten mich bald sehr gut leiden. Die Frau konnte Wien und ihre dortigen Freunde nicht vergessen, plagte ihren Mann immer, er möge mit ihr in die Kaiserstadt gehen und weil sie versprach, mich mitzunehmen, half ich den Mann bearbeiten, sobald ich dessen Zutrauen recht gewonnen hatte.
Er reiste zuweilen mit Pelzwerk von Warschau nach Wien, ich schleppte ihm aus dem Spitale Kleider genug herbei, er versprach, mich das Nächstemal mitzunehmen, ich versteckte die Uniform eines russischen Jägeroffiziers und nöthige Kleider bei ihm im Keller unter alte Fässer.