Mein Herr merkte, was ich vorhatte, doch lachte er nur und sagte nichts, denn ich war noch immer russischer Kriegsgefangener und er ein pflichtgetreuer Mann, der keine Ursache zum Verlassen des Dienstes sah. Ganz in Pelzwerk gehüllt, kam ich glücklich aus Warschau und mit dem Pelzhändler nach Wien.

Auf dem Wege hatte ich mich außerordentlich gefreut, meine Marie vielleicht bei dem Bäcker zu finden, doch vor den Thoren der Kaiserstadt verlor ich allen Muth, denn das Regiment Deutschmeister sammt den Rosenrothen von Prag lagen in der Stadt, so hieß es wenigstens und wenn ich erkannt wurde, war die Kugel für mich dreifach gegossen.

Mein Herr in Warschau hatte mir Geld gegeben, der Pelzhändler mich zechfrei gehalten, mancher polnische Gulden kam durch die Kleider der Verdorbenen in meinen Sack und jetzt nahm ich Abschied von meinem Begleiter, fuhr auf der Donau herauf bis Ulm und ward nicht angehalten bis Tauberbischofsheim, wo mich der Amtmann fragte, woher meine baierische Montur sei. Er schickte mir einen Spionen ins Wirthshaus nach, ich mußte wieder zum Amtmann, wurde über meine Leute und andere Personen befragt und erhielt einen Laufpaß nach Heidelberg.

Am 27. September 1813 war ich nach langer, langer Abwesenheit wieder in der unvergeßlichen Heimath, übernachtete in Schlierbach und spazierte am nächsten Tage in der Uniform eines russischen Jägeroffiziers nach Heidelberg, wo mich kein Mensch erkannte. Freilich besaß ich auch in der Stadt und Heimath keine Seele, die sich über meine Errettung aus so vielen Drangsalen und über meine Rückkehr freute.

Ein Wirth war der Erste, der mich erkannte; er rieth mir, die Russenmontur abzulegen, man sehe die Russen nicht gern am Rhein, doch befolgte ich seinen Rath nicht, Alles redete von dem russischen Offizier und darin bestand meine einzige Freude.

Ein Offizier konnte sich nicht gut an einen Webstuhl setzen, noch weniger betteln, mein Geld schwand, weil ich standesgemäß leben mußte. Ich ging zu einem Bruder über den Rhein, machte eine Krankheit durch, die jedoch nicht lange dauerte, dann aber ging ich wieder nach Frankreich und meldete mich beim 16. Regimente.

Ich machte alle Gefechte und Schlachten der folgenden Zeit mit, insofern mein Regiment dabei war, kam auch immer glücklich davon bis zur Schlacht von Waterloo. In dieser Schlacht haben außer den Schotten nicht die Engländer, sondern die Braunschweiger, Hannoveraner und Andere uns das Fell am ärgsten gegerbt, die pfiffigen Preußen mit ihrem alten Blücher kamen sehr zur unrechten Zeit und dort verzweifelten wir am Glücke des großen Kaisers, der nicht von uns Soldaten, sondern von den Marschällen und Generalen um theures Geld an die fremden Potentaten verschachert worden war. Die Meisten derselben waren große Spitzbuben, das wußten wir Soldaten ganz gut, sonst wäre es bei Waterloo trotz aller Tapferkeit doch noch anders gegangen! ... Kaum bei Austerlitz oder Borodino habe ich ein so mörderischeres Kanoniren, Kleingewehrfeuer und Einhauen der Reiterei erlebt, wie bei Waterloo, wo auch mein Regiment im Angesicht der alten und jungen Kaisergarde tüchtig mitgenommen wurde! ... Diese Garden hättet Ihr je sehen sollen, wie sie ins Feuer gingen, als ob ein Schlachtfeld ein Tanzboden wäre und noch mit den Zähnen um sich bissen, wenn sie sterbend auf dem Boden lagen! ... Ja, einen Soldaten wie der alte Napoleon Einer war, gabs damals Keinen und wirds Keinen mehr geben, denn wo haben die Deutschen, außer dem Erzherzog Karl, dem Blücher und wenigen Generalen auch nur Einen gehabt, der dem Napoleon die Schuhriemen hätte auflösen dürfen? Keine Führer; lauter Anführer hatten sie und es scheint heute noch so zu sein. Keinen Knopf gebe ich um das ganze Deutschland, für den Napoleon wollte ich noch heute ins Feuer, habe auch bei den Franzosen nie ans Desertiren gedacht!—Die Schlacht bei Waterloo war beinahe vorüber, die Retirade begann, da wurde ich durch eine Kanone, die eine Wendung machte, zu Boden geschlagen und weiß heute noch nicht, wie es möglich war, daß ich nicht hundertmal von Kanonen oder Cavallerie zu einem Brei zerquetscht wurde.

Ich wurde auch nicht gefangen, sondern lag in einem französischen Spital, das Kreuz hatte viel gelitten und es ging mehrere Wochen, bis ich wieder an einer Krücke zu laufen vermochte und mehrere Monate, bis ich wieder hergestellt und beim 16. Regimente, damals einer der ältesten Soldaten war.

Ich habe mich bei den Franzosen nicht schlecht gehalten, doch das Glück wollte mir eben nirgends, ich hatte das Unglück, ein Deutscher zu sein und bekam im Jahre 1818 meinen Abschied ohne alle Auszeichnung, ohne jede Pension, ohne Hoffnung und Aussicht. Ich wollte mich von Neuem engagiren lassen, aber ich wurde bei mehrern Regimentern für zu alt und untauglich erklärt und wanderte zuletzt nothgedrungen von Lyon, wo ich mit meiner Weberei keine Arbeit fand, in meine Heimath zurück.

Im Herbst 1818 kam ich heim, spielte jedoch keinen Offizier mehr, sondern lebte einige Zeit bei Kameraden, welche mit mir in Spanien gewesen waren, bis ich Arbeit erhielt.