Als die fremden Truppen aus Frankreich marschirten, befolgte ich guten Rath und ging nach Mannheim, machte den Dolmetscher beim Verkaufen und Geldwechseln, verdiente damit in kurzer Zeit schweres Geld, verfiel aber auch in meine alte Dummheit und meinen alten Leichtsinn.
Während ich nämlich in einem Dorfe bei Mannheim lebte, wurde ich mit einer Weibsperson bekannt, die ich zu heirathen gedachte und der ich viel Geld anhing, zumal ich sonst keine Seele auf der Welt hatte. Einige Wochen ging es ganz gut, ich glaubte lauter Liebes und Gutes, da sagten mir rechte Leute, was Andere auch schon gesagt und es hieß, mein Schatz halte mich nur zum Besten, so lange ich Geld besitze, sei ein ziemlich verrufenes und liederliches Weibsstück.
Dies that mir in der Seele weh, ich konnte es fast gar nicht glauben und um mich mit eigenen Augen zu überzeugen, gehe ich Nachts mit einer ungeladenen Pistole in ihr Haus. Richtig finde ich zwei Bursche in der Kammer, bekomme Händel und wie sie meine Pistole sehen, rennt das Kleeblatt zum Hause und Dorfe hinaus in den Weinberg. Ich verfolgte das treulose Weib nicht lange, ging in die Kammer zurück, zerschlug, was ich zerschlagen konnte, zertrümmerte ihre Kiste, nahm die Geschenke heraus, die ich ihr gemacht hatte und war noch mit Einsacken beschäftiget, als sie mit den beiden Burschen zurückkehrten, andere Leute durch ihr Geschrei herbeiriefen und mich einen Räuber und Spitzbuben nannten.
Ich schlug darauf, daß sie Feuer vor die Augen bekamen, doch Andere eilten herbei, sie überwältigten und prügelten mich gottserbärmlich und am andern Tage lieferten sie mich in die Amtsstadt, wo der Amtmann mich gleich einlochen ließ, freilich in ein besseres Gefängniß, als diese Spelunke Eines ist. Übrigens kochte er es mir schlimm genug, denn ich hatte ihn mir zum Feinde gemacht, wie ich kurz erzählen will.
Ein armer Mensch, den er nicht leiden mochte, weil er keine Kappe vor ihm abzog, im Wirthshause schimpfte und ihm gegenüber auch kein Blatt vor das Maul nahm, war unschuldig in den Verdacht eines Diebstahles gekommen und blieb viele Monate sitzen.
Beim Vorübergehen rief mir der arme Kerl, nannte in der Geschwindigkeit alle Entlastungszeugen, klagte, wie er schon mondenlang sitze und niemals ins Verhör komme, so daß er und seine alte Mutter in großer Noth waren. Wir redeten, bis die Gefangenwärterin uns störte und mich nicht mit ihren Drohungen gegen mich, sondern mit denen gegen den Gefangenen fortjagte.
Ich besaß damals Geld, ging zu einem Advokaten, erzählte Alles, der Advokat redete mit den Entlastungszeugen, machte mir eine Schrift und mit dieser lief ich vor die rechte Schmiede, direct nach Karlsruhe zum Großherzog, der mich sehr freundlich und gütig anhörte, die Schrift nahm und das Beste versprach!
Ich habe in meinem langen Leben stets gesehen und erfahren, daß die vornehmsten und höchsten Personen gerade die herablassendsten und besten sind. Bei uns wird es oft dem Bürger und Bauer himmelangst, wenn er vor Amt muß, denn wir haben gar zu viele Amtskosaken und die dummen Leute meinen immer, die Amtskosaken könnten als studirte und angestellte Herren gegen den gemeinen Mann nicht so gar grob und brutal sein, wenn es nicht von Karlsruhe aus also angeordnet würde.
Freilich ist gerade das Gegentheil der Fall; noch Jeder, den die Noth in die Residenz trieb, und mit dem ich redete, konnte sich nicht genug verwundern, wie gnädig und herablassend der Großherzog sammt den Herrn Ministern und andern hochgestellten Personen gegen arme und geringe Leute seien. Das thut den Leuten wohl und sie verschmerzen es leichter, wenn sie auch mit ihrer Bitte abfahren müssen, doch im Lande wissen und glauben es Viele nicht, meinen, es sei ganz in der Ordnung, wenn die Polizeidiener die Leute bei Feuersbrünsten zur Kurzweil prügelten, die Polizeicommissäre Handwerksbursche beim Visiren fast zerrissen, hohlköpfige Schreiber wie Pfauen und bissige Hunde zugleich sich geberdeten und mancher Amtskosak die größten Injurien und Schimpfreden Jedem ins Gesicht werfe, der keinen feinen Rock trägt. Sie getrauen nicht, sich zu beklagen, mögen den Pontius nicht beim vermeintlichen Pilatus anzeigen, schimpfen dafür heimlich und rächen sich, so gut sie es vermögen! ... Auch von denen in feinen Röcken darf Einer nur im Geruche stehen, ein Liberaler oder Radikaler zu sein, dann bekommt er Grobheiten und Verfolgungen genug auf den Hals, verliert vollends allen Glauben an das Wohlwollen der regierenden Herren und denkt: Kommt Zeit, kommt Rath!
Mein Gefangener hatte Licht im Apfel, ich alter Soldat stand frisch vor dem Großherzog; so ein Amtmännlein, das nach Oben kriecht und nach Unten kratzt, macht mir keine Angst und richtig, der Großherzog hielt redlich Wort, der Gefangene kam rasch ins Verhör, die Entlastungszeugen wurden gerufen und nach 14 Tagen ward der mondenlang Herumgezerrte als unschuldig erkannt und freigelassen.