Etwas über 2 Jahre saß ich wegen dem Buch in meinen Stüblein, da kam ein hoher Herr von Carlsruhe in die Anstalt, um dieselbe zu visitiren. Ich sah ihn durch den Hof gehen, rief seinen Namen, bat ihn, mich ein ein [ein] bischen zu besuchen; er kam auch richtig gleich zu mir, ich erzählte Alles, der Verwalter und der Doctor redeten auch gut für mich und der Herr sagte, er wolle meiner gedenken und schrieb Mehreres in seine Brieftasche.
Es dauerte gar nicht lange, so wurde ich begnadiget, sechs und ein halbes Jahr sind mir an der Strafzeit geschenkt worden; so oft ich an den guten Herrn und an den Großherzog Leopold denke, der so Vieles für die Aermsten aller Armen, für Gefangene gethan hat, fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, ich weine wie ein Kind und kann nur beten, daß Gott den Großherzog Leopold noch lange beim Leben erhalte, denn dieser Herr ist die Güte selbst. Hätte Er nur tausend Augen, tausend Ohren und zehntausend Arme, ein edleres Herz brauchte er nicht, dann könnte er die Spitzbuben und Heuchler sammt den Volksverführern an der Cravatte kriegen und auch einmal manchen feinen Rock ins Zuchthaus abliefern! ... Schon in frühern Zeiten hatten viele Leute um meiner Abentheuer und Ausbrüche willen geglaubt, ich sei eine Art Hexenmeister und könnte recht glücklich und reich sein, wenn ich nur wollte. Lustig blieb ich bei allem Elend immer, kann noch heute recht lustig sein und werde es wohl, wenn einmal die 70 Strafjahre vorüber sind! ... Nach meiner Entlassung behaupteten die Leute, ich könne machen, daß Einer in der Lotterie gewinne, mein Widerreden half nichts, die Leute blieben so abergläubisch auf ihrer Meinung, als ob sie die ärgsten Katholiken und keine Zwinglianer wären, am Ende dachte ich: wenn Ihr durchaus betrogen sein wollt, so kanns der alte Paul ja thun, es wird ihm nicht schaden und Ihr werdet bald an Euerm Verlust merken, daß ich kein Hexenmeister bin!
Viele glaubten, ich wolle mit meiner Wissenschaft nur nicht herausrücken, steckten sich heimlich hinter mich und gaben mir, was ich gerade brauchte, versprachen goldene Berge dazu und ich sagte ihnen das Mittel, welches mir ein Jude einmal anvertraut hat und das ich niemals selbst probirte, weil mir das viele Geld dazu mangelte. Ich selbst hielt anfangs nicht wenig darauf, doch nachdem es Einige angewendet und in der Lotterie dennoch keinen Knopf gewonnen hatten, schwand mein Zutrauen, bei Andern war dies auch der Fall, sie behaupteten, ich führe die Leute betrügerisch am Narrenseil herum. Solches that mir wehe, weil es nicht wahr gewesen.
Dagegen kamen Andere noch immer heimlich zu mir, sagten, ich habe Andern wahrscheinlich das rechte Mittel nicht gesagt, weil sie zu knauserig gewesen und wollten um jeden Preis dasselbe aus mir herausbringen.
Ich lebte in einem Dorfwirthshause, weil ich da am wohlfeilsten schlief und um 6 Kreuzer täglich zu essen bekam. Das Essen war wenig und elend, Durst habe ich auch oft gehabt und so freute ich mich, daß die Schwester der Wirthin, eine wüste alte Jungfer, die immer noch gerne geheirathet und deßhalb in der Lotterie gewonnen hätte, sich hinter mich steckte und mir Vieles gab, damit ich das wahre Mittel sage. Den Wirthsleuten sagte sie nichts davon, um nicht ausgelacht zu werden und wir hielten Alles heimlich.
Einmal trete ich in die Stube, da sitzen einige Juden am Tische und ich setze mich neben sie. Ich hatte einem Studenten eine Kommission gemacht, ein gutes Trinkgeld erhalten, war etwas angetrunken und lasse von Zeit zu Zeit ein Stück Speck unter dem Rocke hervorschauen, um die Juden zu utzen und sage, ich sei nicht mager, wie die Leute meinten, sondern fett, man möge mich nur näher betrachten.
"Woher habt Ihr den Speck?" fährt mich der Wirth an.—"Käthchen hat ihn mir draußen gegeben in der Küche, als ich meine Pfeife anzündete!" sage ich erschrocken.—"Käthchen, hast du dem Paul von meinem Speck gegeben?" fragt der Wirth.—"Mein Herz hat nie daran gedacht, der Paul lügt!"
Jetzt beginnt der Wirth zu fluchen und zu schänden, ich gebe auch nicht nach, weil ich Etwas im Kopf hatte, zahle meine Sache und gehe fort.
Am andern Tage werde ich vor Amt geladen und eingesteckt. Käthchen beichtete die ganze Lotteriesache, dagegen legte sie einen Eid ab, mir niemals Speck gegeben zu haben, Zeugen hatte ich keine und war verloren.
Der Verhörrichter ließ mich frei, weil ich alt und kränklich sei, bis der Bescheid vom Hofgericht kam. Dieser lautete auf 3 Jahre Zuchthaus, mein Widerreden half nichts, weil ich schon oft im Zuchthause gewesen und ich machte meine Zeit.