Kaum bin ich einige Wochen frei, so passirt mir ein neues Unglück.
Ich wohnte wieder in einem Dorfe, blieb bald da bald dort über Nacht. Eines Morgens sehe ich beim Fortgehen vor der Speicherthüre schwarze Wäsche liegen, nehme zwei alte, elende Hemden, von denen keines 24 Kreuzer werth war und will fort. Ein kleines Kind schaute mir zu, wie ich die Hemden in mein Sacktuch band, rennt in die Stube und sagt es der Mutter, diese eilt heraus, stellt mich zur Rede, ich gestehe Alles gleich, während die Frau noch schimpft, tritt der Gemeindediener herein, doch läßt man mich in Frieden ziehen.
Eine halbe Stunde vom Dorfe holt mich jedoch der Polizeidiener ein, führt mich zum Bürgermeister des Dorfes zurück, dieser sagt, er würde mir eine leichte Strafe geben, wenn ich in die Gemeinde gehörte, weil dieses jedoch nicht der Fall sei, müsse er mich dem Amte einliefern.
Vor Amt läugnete ich gar nicht, wurde abermals frei, vom Hofgerichte abermals zu 3 Jahren verurtheilt, diesmal ergriff ich gar keinen Rekurs und machte abermals meine Zeit. Apropos, daß ichs nicht vergesse, meine Rechnung von vorhin leidet an einer kleinen Unrichtigkeit, ich habe die 3 Jahre, in welchen ich für die zwei elenden Hemden büßen mußte, nicht gezählt und bin also nicht 18½, sondern 21½ Jahr in Strafanstalten gewesen. Vielleicht feiere ich bald mein Zuchthausjubiläum!
Elender, schwächer und ärmer als je kam ich heim und kein Mensch wollte sich jetzt mehr meiner annehmen, ich vermeinte, die guten Leute seien auf der Welt Alle ausgestorben! ... Voriges Jahr wird Einer Präsident der Armencommission, welcher allen Armen Abzüge machte. Seit mehreren Jahren bekam ich vom Spitale ganze Kost und Brod oder Kostgeld, weil ich jährlich Zeugnisse vom Physikus brachte, daß ich arbeitsunfähig sei.
Jetzt muß ich zum Präsidenten und da heißt es: "Er erhält gar nichts mehr vom Spitale, arbeitet!"—"Kann ich denn weben? Ich darf ja nicht!"— "Verrichtet leichte Arbeit!"—"Geben Sie mir; ich bekomme nirgends mehr eine Gelegenheit zum Verdienen!"—"Suche Er nur eine solche!"—"Ja, was soll ich jetzt anfangen?"—"Betteln oder Stehlen, mir ist es gleichgültig!"
Einige vornehme Bürger, von denen ich wußte, daß sie den Präsidenten als einen Aristokraten nicht leiden mochten, ermahnten mich, die Sache bei den Behörden anzuzeigen und Einer setzte mir eine Schrift auf.
Diese Schrift gab ich am rechten Orte ab, erhielt 4 Wochen keinen Bericht, hatte manchen Tag nichts zu essen und verhungerte beinahe.
Endlich gehe ich auf das Oberamt, klage mein Elend, die Thränen fließen stromweise über meine alten Wangen, die Herren aber verwundern sich, weßhalb ich noch nichts erhalten, denn sie hatten das Nöthige sogleich gethan. Es dauerte wieder 14 Tage, ohne daß ich etwas erfuhr, ich ging wieder zu den Bürgern und klagte, diese gaben mir Geld, Einer machte mir wieder eine Schrift, worin der Präsident der Armencommission sammt dem Oberamte verklagt war und ich wanderte zum Herrn Kreisdirector.
Dieser gute Herr las meine Schrift und sprach mir Trost ein.