"So? Spitzbube? Kurz vorher war ich doch ein Streiter der großen Kuhzunft, hast noch gestern gesagt, ich verdiente "General der Menschheit" zu heißen und mit einer großen Pension bedacht zu werden! ... Die Ehre haben sie mir freilich genommen, es war auch nie viel daran, was thut ein armer Teufel mit Ehren? Ein Stück Brod ist mir lieber, als ein Compliment oder die Schererei, Kammerherrn machen zu helfen. Aber Ehre hat der Stoffel doch, er hat noch in Allem Wort gehalten und Wahrheit geredet außer vor Amt, wo man nach deiner Lehre ja lügen soll, daß sich die Balken biegen!" ereifert sich der Einäugige.
"Mir hat es jedesmal Grauen gemacht, wenn der Spaniol sagte, es gäbe weder Gott noch Teufel, weder Himmel noch Hölle. Bisweilen zweifelte ich auch, aber so oft ich an den Bruder Bernhardus denke, haben meine Zweifel ein Ende. Freilich weiß ich nicht, weßhalb es mir 70 Jahre schlecht und nur 20 recht gut gehen soll, aber ich habe in meinem langen Leben doch auch viele gute Stunden gehabt und immer gesehen, daß fromme Leute gutherziger sind als unfromme und wenn es mir nach 1852 in einem fort schlecht gehen sollte, bin ich doch 70 Jahre daran gewöhnt und hoffe, daß es mir im Himmel besser gehe und zwar nicht 90 Jahre, sondern die ganze Ewigkeit hindurch!" läßt sich der Paule vernehmen.
"Himmel, Ewigkeit, dummes Waldbrudergeschwätz!" brummt der Spaniol.
"Ei, wenn es keinen Gott und keinen Himmel gäbe, so würde der Glaube daran doch mehr nützen als schaden. Der Gedanke, im Himmel gebe es Vergeltung, ist für alle Armen und Unterdrückten trostreich und die Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits bleibt freudenreich für alle Leidenden. Gäbe es auch keinen himmlischen Vater, der's mit Königen und Zuchthäuslern gleich gut meint und fiele die Hoffnung auf den Himmel nach dem Tode auch ins Wasser, so hat man doch tröstliche Gedanken und freudevolle Hoffnungen auf Erden gehabt, welche Einem manches Bittere versüßten!" eifert der Indianer.
"Ja und was nach dem Tode kommt, weiß eben doch kein Mensch ganz bestimmt. Ich habe noch nie viel darüber nachgedacht, am Spaniolen und Andern herausgekriegt, daß dieselben behaupten, es gebe keinen Gott und Himmel und die Seele sei nach dem Tode ein ausgelöschtes Lichtlein, aber wo sind die Beweise?" bemerkt das Affengesicht.
"Beweise mir, daß ein Gott sei, ich beweise Dir alsdann, daß keiner sei und wir stehen wieder—."
"Als Ochsen am Berge!" unterbricht der Zuckerhannes den Spaniolen.
"Der Spaniol kann Gott läugnen, so lange er mag, ich läugne Ihn nicht. Ein Gott muß doch sein, der Mensch ist nicht das höchste Wesen, wie der da meint. Ein sauberer Gott, der in Spitälern und Kerkern herumliegt und vom nächsten besten Wolf gefressen werden kann. Ein vom Berge rollender Stein, der Sturz eines unvernünftigen Baumstammes, der Schlag eines Mitgottes macht der Gottheit des Menschen ein Ende. Nein, das ist nichts!—Es gibt einen Gott, der alte Paul hat Recht und ich kenne viele, viele Geschichten, wo die Menschen gerade das leiden und thun mußten, was sie nicht leiden und thun wollten und ihnen von Andern gar nicht oder doch nicht wissentlich angethan wurde!" predigt der Indianer.
"Mein Gott, wie oft habe ichs erlebt, daß Kameraden, welche in der Kaserne und im Lager über Gott und Ewigkeit spotteten, ärger als das älteste Weib beteten, wenn es in die Schlacht ging und die Kanonenkugeln zu brummen anfingen! ... Fast nur Einen hab' ich gesehen, der auch in der Schlacht der Alte blieb. Es war ein Pariser, ein Schneider, der immer von einem Musje Baboeuf als dem französischen Christus redete. In Spanien traf den "schönen Jean" wie er bei unserer Kompagnie hieß, kein Kügelchen und nach jedem Gefechte kam er zu mir her und sagte. "Gelt, deutsches Vieh, ich habe doch nicht gebetet? ... In der grausamen Schlacht bei Borodino in Rußland aber stand unser Bataillon auf dem linken Flügel, wir mußten ein Quarré formiren, weil ein Regiment russischer Kuirassiere gegen uns herdonnerte, um die Kanonen zu nehmen, von denen außer uns alle Kanonire und Bedeckung weggelaufen waren. Der schöne Jean stand dicht neben mir, zitterte diesmal und wie ich ihm ins Gesicht schiele, sehe ich, daß er todtenbleich ist und mit den Zähnen klappert."
"Was ist's, Jean, ich meine schier, das Beten wolle Dir kommen? frage ich, aber der Jean gibt keine Antwort und wie die Russen, lauter leibhaftige, in Stahl und Eisen gepanzerte Riesen sich nähern, betet der Jean laut aus allen Kräften und will mein Seel mitten im dritten Glied auf die Knie fallen, so daß der Sergeant ihm fluchend den Gewehrkolben in den Rücken stößt. Wir bekamen keine Zeit mehr uns zu amüsiren, die Russen wurden zurückgeworfen, weil unsere Cavallerie auch nicht faul blieb, aber wie wir ein bischen abgelößt wurden und ausruhten, unsere Verlornen musterten, richtig, da fehlt der schöne Jean. Ich habe ihn in meinem Leben nicht mehr gesehen, der Ort, wo mein Bataillon im Feuer gestanden, war von den Pferden so zugerichtet, daß die Gefallenen wie in den Boden hinein zerstampft dalagen!"—erzählt der alte Paul.