Wo ist der Geschichtschreiber oder Staatsmann, von welchem sich sagen ließe, daß er wahrhaftig über allen kirchlichen und religiösen Partheien gestanden, alle gleichmäßig behandelt und sich nicht mehr oder minder entschieden für Eine derselben und gegen alle übrigen jedenfalls thatsächlich erklärt habe? Und wieviel Aufgeklärte hat es von jeher gegeben und gibt es heute, denen die "christliche Liebe" möglich macht, gegen politische und kirchliche Gegner gerecht zu sein und in denselben den gleichberechtigten Menschen zu achten, geschweige zu lieben?
Nein, so wenig es ein Christenthum ohne lebendigen Glauben an Christum den Gottessohn und ohne die von Ihm gestiftete Kirche gibt, so wenig hat auch die "christliche Liebe" diejenigen, welche über allen religiösen und kirchlichen Partheien zu stehen vermeinten, davor bewahrt, gläubige Protestanten und absonderlich die katholische Kirche heidnisch zu hassen und zu verfolgen.
Ist's aber hochgelehrten Professoren und erleuchteten Staatsmännern unmöglich, über der katholischen Kirche zu stehen, ohne zugleich außerhalb und ihr mehr oder minder feindlich gegenüber zu stehen, so sollte man es bei uns dem Lehrerstande nicht allzusehr verübeln, wenn die meisten Mitglieder desselben das positive Christenthum als etwas Geringfügiges betrachten und alles "Pfaffenthum" verabscheuen. Erstens nämlich wurden sie von ihren Eltern oder Lehrern oder von Beiden zugleich von Kindesbeinen an mehr oder minder für das "reine Menschenthum" erzogen; zweitens muß solche Erziehung mit der Zeit oft sehr reichliche Früchte eines unreinen Heidenthums tragen, weil ein Lehrer auch Fleisch hat und bei uns nur zwei Jahre studirt, später wenig Zeit und Gelegenheit und selten Anleitung bekommt, ein Christenmensch zu werden und sich eine gründliche Bildung anzueignen. Er bleibt jedenfalls in der Hauptsache bei dem stehen, was ihm im Seminar beigebracht wurde und wenn es nun die Religion des Zeitgeistes war, womit ihn die Lehrer beglückten, zu deren Füßen er treugläubig und bewunderungsvoll saß, wer kann es ihm verargen, wenn er den Mangel an positiven Glauben für das sicherste Kennzeichen eines gebildeten Mannes hält? Drittens endlich führt ein Volksschullehrer ein an Entbehrungen, Mühsalen und Leiden immer reiches Leben und wenn man das Treiben manches Pfarramtslazzaroni genauer in Augenschein nimmt und mit dem Loose des unter ihm stehenden Lehrers vergleicht, wird man sehr geneigt, die Behauptung, daß die Lehrer zu wenig und die Geistlichen zuviel Einkommen hätten, nicht sowohl demokratisch und revolutionär als richtig und vernünftig zu finden.
Bedenkt man nun, daß der Lehrer im Seminar und durch Schriften mit einer höchst übertriebenen Ansicht von der menschheiterlösenden Bedeutung und der weltbeglückenden Würde seines Berufes, mit Gleichgültigkeit gegen das positive Christenthum und Mißtrauen gegen alles "Pfaffenthum" erfüllt wird, vergißt man nicht, daß manche Pfarrämter und Dekanate sich ihre Langweile damit versüßen, den unchristlich und unkirchlich erzogenen und vielgeplagten Schulmeister kleinlich und boshaft zu schulmeistern und zu quälen, so mag man sich über die Leichtigkeit nicht mehr wundern, womit der Staat im Interesse des "religiösen Friedens" d. h. der Knechtung der Kirche die Schule seit Langem beherrschte und die Jugend für die Staatsreligion, d. h. zunächst für Gleichgültigkeit gegen das positive Christenthum erzog— ohne in ihr die Säugame [Säugamme] des Heidenthums zu ahnen. Ich weiß ein einsames Grab, das an Allerseelen von keiner liebenden Hand geschmückt wird. Darunter liegt ein Schulmeister, der sich eine Kugel durch den Kopf gejagt und einen Zettel zurückgelassen hat, worin er erklärte, er schieße sich todt, weil die "Pfaffen" ihm das Leben unerträglich machten und schieße sich im Himmel abermals todt, sobald er dort seine Quälgeister wiederum treffe. Solche Erklärung charakterisirt den tiefeingewurzelten Haß, welchen Volksschullehrer häufig gegen Geistliche empfinden und ich meine, Schüler dieses Lehrers, welche ihn liebten, seien schwerlich große Freunde der Geistlichkeit geworden.—
—Das Kind denkt mehr mit dem Herzen, als mit dem Kopfe, der Grundton seines Wesens ist Liebe und deßhalb bleibt es auch ein Leichtes, Kindern die Religion der Liebe beizubringen. Doch so wenig ich daheim zum Christen erzogen wurde, so wenig thaten meine Lehrer dafür und am wenigsten der Religionslehrer.
Damals gab es nicht viele Jünglinge, welche innerer Beruf zum geistlichen Stande trieb. Unter den Studirenden widmeten zumeist Solche sich dem Dienste der Kirche, welche zu arm, zu talentlos oder auch zu faul und liederlich waren, um etwas Anderes zu werden. Die geistlichen Professoren der Hochschulen gingen häufig damit um, eine zeitgemäße Theologie zu erfinden, Gottes Wort und Werk nicht sowohl gegen den Witz und Aberwitz der Zeit zu vertheidigen als demselben zu unterwerfen. Die Stellung, in welche die Kirche zum Staate gerathen, zahlreiche Schriften aus den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, das langdauernde Geschrei um Aufhebung der Ehelosigkeit katholischer Geistlicher, skandalöse Vorfälle verschiedener Art, vor Allem die gräuliche Unwissenheit in kirchlichen, die weitgediehene Verkommenheit in sittlichen Angelegenheiten, über deren Vorhandensein bei den untern und mittlern Ständen kein Zweifel mehr herrscht—dies Alles legt Zeugniß ab, welche Eroberungen der glaubensfeindliche Geist der Zeit auch unter dem Klerus gemacht.
Ich mit den meisten meiner Mitschüler darf mich ein Opfer solcher Zustände nennen, insofern wir kaum Einen Religionslehrer kannten, der mit Begeisterung, Liebe und Eifer unsere jungen Seelen für Christum zu gewinnen und uns einiges Verständniß der Lehren, Gebräuche und Einrichtungen der katholischen Kirche beizubringen trachtete. Die einzige Errungenschaft, welche ich aus dem Religionsunterrichte der Volksschule gerettet, beschränkt sich auf die Erinnerung, wie sauer es mir wurde, die unverstandenen Lehren des Catechismus auswendig zu lernen, welch schreckliche Langeweile wir oft in der Kirche und während der Religionsstunde empfanden und mit welcher Angst und Unwissenheit ich zum erstenmal in den Beichtstuhl trat. Mit Angst—weil die Mutter mich überredet hatte, der Beichtvater sehe es Jedem an, der eine Sünde verschweige oder gar lüge und trage ein scharfes Federmesser bei sich, mit welchem er Einem die Zunge stutze. Ich schämte mich meiner Sünden nicht, doch fürchtete ich Eine zu vergessen und ein Stück meiner Zunge im Beichtstuhle zurückzulassen. Mit Unwissenheit—insofern ich der Gnade des Glaubens eigentlich niemals theilhaftig geworden und durch viele Reden der Erwachsenen sowie durch die Wahrnehmung, daß bei meinen ältern Kameraden die Besserung darauf beschränkt blieb, sich einige Tage nach der Beicht vor den Lieblingssünden zu hüten, bereits zum Mißtrauen und Unglauben an diesem heiligen Sakramente gekommen war, bevor ich über das Leben und Treiben der Erwachsenen reiflicher nachdachte. Frühzeitig wurde ich an religiösen und kirchlichen Dingen irre und einer meiner Lehrer hat Namhaftes dazu beigetragen. Mein älterer Bruder nämlich wollte geistlich werden, ein stiller, gemüthlicher Mensch, den die Eltern und wir nur "das Pfäfflein" nannten. Er ging längere Zeit zu einem Vikar, um Latein zu lernen und ich bald mit ihm, denn der Vater hielt große Stücke auf mich, behauptete, ich werde meinem Alter vorauseilen, den Bruder und Alle überflügeln und müsse frühzeitig mit Allem anfangen, was zum Brodkorb führe. Das Versprechen, mich aus der Volksschule wegzunehmen, wenn ich meine lateinischen Regeln und Unregelmäßigkeiten fleißig erlerne, bewirkte Wunder bei mir und bald war ich der ausgemachte Liebling des Vikars. Manchmal unterbrachen Gespräche den Unterricht und einige derselben sind mir unvergeßlich geblieben. Die Behauptungen: es sei besser ein Schuster als ein katholischer Geistlicher zu werden, Rom wolle keine Menschen, sondern Sklaven, Christus sei ein großer Weiser gewesen, aber die Finsterlinge hätten Seine Lehren verunstaltet—tönen mir noch jetzt in den Ohren. Sie fielen mir auf, weil ein Geistlicher sie aussprach. Ich liebte diesen Seelenmörder, der heute noch lebt und zur Rongezeit ein Weib genommen hat.—
Ziemlich einförmig und glücklich verlebte ich meine Kinderjahre, während deren eine im mildesten Ausdrucke höchst mangelhafte religiöse Erziehung den Grund zu Dem legte, was später aus mir geworden ist und wogegen mich ein stürmisches Temperament, ein brennender Ehrgeiz, herbe Erfahrungen und alle Bitterkeiten des Lebens nicht zu bewahren vermochten.
Es ist wahr, meine Geschwister sind so wenig Verbrecher geworden als die meisten meiner Schulkameraden. Doch an meiner Stelle würden sehr Viele ein ganz anderes Schicksal gehabt haben, als dessen sie sich erfreuen. Und ist Einer schon ein brauchbares und nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft, wenn er kein von den Gesetzen verpöntes Verbrechen begeht? Und erfüllt Einer dann schon seine ewige Bestimmung, wenn er seine irdische erfüllt?
Ich will von meinen Geschwistern nichts sagen. Die Art und Weise, wie dieselben gegen mich handelten, hat mir schon lange vor der Freilassung jeden Zweifel benommen, wie es mit ihrer Ehrenhaftigkeit und ihrer christlichen Liebe aussieht. Freilich habe ich wenig gethan, um mir ihre Achtung und Liebe zu erhalten, doch Verfolgung läßt sich kein Christ gegen einen ohnehin gebeugten, armen und wehrlosen Mitmenschen zu Schulden kommen. Schweigen wir darüber, mir wirds, als ob tausend glühende Dolche mein Herz durchbohrten und ohne Halt in Gott müßte ich aufs Neue an den Menschen verzweifeln. Doch Eines noch. Ich stelle an keinen Menschen das Ansinnen, als vollendeter Christ zu handeln, ein Heiliger zu sein, weil ich weiß, wie weit ich noch im Befolgen aller Lehren unseres Herrn und Meisters zurück und wie sehr ich noch im Kampfe mit dem alten, sündhaften Menschen in mir befangen bin. Allein ich glaube in christlichen Landen vom Staate wie von den Einzelnen aufrichtiges Streben, die Grundsätze des Christenthums ins Leben einzuführen, verlangen zu dürfen. Wie es mit diesem Streben im Staate bestellt sei, darüber belehrt schon seine Stellung zur Kirche. Was aber die Christen betrifft, welche ihrem Glauben gemäß zu leben und zu handeln streben, so habe ich in kurzer Zeit genug erfahren, um befürchten zu müssen, ihre Anzahl sei trotz des religiösen Aufschwunges der jüngsten Jahre noch viel zu gering, um großartigen Einfluß auf Umgestaltung öffentlicher Zustände auszuüben und damit jene Gefahr einer furchtbaren sozialen Revolution zu beseitigen, welche wie ein Damoklesschwerdt über unserm Welttheil hängt.