II.
—Du meinst, weil ich selbst ein Schulmeister gewesen, so sei es verzeihlich und begreiflich, daß ich diesen Stand in Schutz nehme, zweifelst jedoch daran, daß in katholischen Lehrerseminaren das Heidenthum gepflegt und gehegt worden sei. Freilich bin ich mit dem Ausdrucke: Heidenthum freigebig, allein wo ich kein positives Christenthum zu entdecken vermag, da kann ich nur Heidenthum erblicken, zumal jener Mischmasch von Religion, als dessen Repräsentantin ich meine Mutter nannte, bei genauer Untersuchung eben doch nur verlarvtes und gerade deßbalb [deßhalb] sehr verführerisches und gefährliches Heidenthum bleibt. Willst du einen schönern Namen dafür, so magst du derartigen Mischmasch etwas sinnlos, doch höflich "Zeitchristenthum" taufen.
Zunächst will ich aber meine Behauptung rechtfertigen, denn einerseits mag ich keine Entschuldigungen für meine Verirrungen beibringen, welche nicht vollkommen gegründet sind und anderseits öffentlichen Anstalten und Männern, denen das Land des Guten viel verdankt, keine Beschuldigung zuschleudern, welche ich nicht verantworten könnte:
Du weißt, daß ich mein Schulmeisterhandwerk unter der Leitung eines katholischen Geistlichen erlernte, gegen dessen wissenschaftliche Tüchtigkeit und ehrenhaften Charakter niemals der leiseste Zweifel obwaltete. Er ist todt und schon die Vorschrift, über Todte nur Gutes zu reden, würde mich bewahren, seine Person unter dem Boden anklagen und verunehren zu wollen, wenn ich ihm auch nicht sehr viel Gutes zu danken hätte.
Sein Andenken ist noch heute Jedem seiner zahlreichen Schüler theuer und ich bin der Letzte, der seine Person verunglimpft. Aber gefährlich und folgenschwer waren die Ansichten und Grundsätze des gefeierten Mannes und nicht mit seiner Person, sondern mit Ansichten und Grundsätzen, von denen er sich beherrschen ließ, habe ich es zu thun.
Wir liebten und verehrten ihn Alle; weil dies der Fall war, so galt uns auch jedes seiner Worte als Evangelium, wir sogen seine Lehren begierig ein, trugen sie nach zwei Jahren in alle Gegenden des Landes und strebten mit Feuereifer darnach, die Herzen des Volkes damit zu erfüllen.
Viele hingeworfene Reden und Winke haften noch jetzt in meinem Gedächtnisse, doch nur einen einzigen Wink will ich hier erwähnen, weil er meines Bedünkens die Ansichten und Grundsätze meines Meisters vortrefflich characterisirt.
Einer von uns stellte einmal die verfängliche Frage, ob denn Christus im heiligen Abendmahl wahrhaft, wesentlich und wirklich gegenwärtig sei und nach einigem Räuspern erfolgte die Antwort:
"Hm, hm! ... Wers glaubt, für den ist Er gegenwärtig, wers nicht glaubt, für den wird Er wohl auch nicht gegenwärtig sein!—"
Was sagst du zu dieser Einen Aeußerung unseres dem katholischen Klerus angehörigen Seminardirectors?—