Er war unser Religionslehrer und die meisten seiner ehemaligen Zuhörer werden noch im Besitze des Heftes sein, welches er als "Einleitung in die Religionslehre" zu dictiren pflegte. Du hast Gelegenheit, ein solches Heft dir jeden Tag zu verschaffen und es ist mir sehr lieb, wenn du dir ein solches bald verschaffst, um dich zu überzeugen, daß Einiges, was ich hierhersetze, keineswegs entstellt, verfälscht oder dem Zusammenhange entrissen wurde, sondern daß die mit sonnenklaren, dürren Worten ausgesprochenen Ansichten meines Meisters darin enthalten seien.
Er läugnet einen persönlichen Gott; Gott ist ihm ein "allen Geschöpfen innewohnendes, gestaltloses, raumfreies, zeitloses, somit unendliches, allgegenwärtiges ewiges Wesen, dessen Wirksamkeit keine Grenzen kennt." Der Sündenfall wird auf eine Weise erklärt, welche sich nicht mit dem christlichen, geschweige mit dem katholischen Bewußtsein vereinbaren läßt und vom Teufel wissen und lehren die Menschen Nichts, bis sie der Gegensatz nützlicher und schädlicher Geschöpfe auf den Gedanken einer bösen, durch Opfer zu versöhnenden Gottheit bringt, Erlösung ist Rückkehr zu Gott und "vollkommen zurückgekehrt zu Gott war Christus, in welchem Gott dem Geiste nach wiedergeboren und welcher der Urheber des neuen Lebens der Menschen in Gott wurde." Christi Reich ist das der Liebe und "das volle Gegentheil dessen, was Menschenrecht und Menschensatzungen gegründet haben." In ihm ist gar keine äußere Macht, kein Zwang, keine Furcht und Knechtschaft.
Die Bibel hat den hohen Werth, "daß wir unser Leben mit dem der ersten Christen vergleichen können; zudem erfüllen uns die Schriften der Bibel wie andere gute Bücher mit ihrem Leben."
Hinsichtlich der Dreieinigkeit Gottes wird ausdrücklich hervorgehoben, "daß wir die Offenbarungen Gottes in den Geschöpfen auf dreifache Weise wahrnehmen und dadurch angeleitet werden, Gott bald den Vater, bald den Sohn, bald den Geist zu nennen. Das gemeinsame Wesen aller Geschöpfe ist das Wesen Gottes. Insofern wir Gott als Wesen in uns und in allen anderen Geschöpfen betrachten, so nennen wir ihn Gott den Sohn. Insofern Er uns durch die Stimme des Gewissens und durch andere Geschöpfe die rechte Erkenntniß wiederum einflößt, so nennen wir ihn Gott den Geist.[">[—Je mehr der Mensch auf die angenehmen Gefühle verzichtet, welche der Genuß des Irdischen gewährt, desto mehr bestimmt Gott die Dinge durch ihn und desto vollkommener und herrlicher entfaltet sich sein innerstes Wesen; der Tod führt die Lebendigen zur Selbstständigkeit, indem Kinder nach dem Tode der Eltern und Lehrer sich selbst überlassen sind und schon vorher wissen, daß Eltern und Lehrer sterben müssen, somit auf ihre künftige Lage sich vorbereiten können; das Wesen der Eltern und Lehrer aber lebt und wirkt in den Ueberlebenden fort, der Tod bringt in den Menschen die Erkenntniß hervor, daß der Mensch aus einem irdischen und vergänglichen und aus einem geistigen und fortwirkenden Wesen bestehe und endlich, daß der Geist viel stärker auf Andere einwirke, wenn die Einwirkung nicht mehr durch den Leib, sondern unmittelbar geschieht. Dies Alles gibt Hoffnung auf Unsterblichkeit.—Von Jesu Gottheit wurden die Jünger überzeugt, weil er erstens durch den Ausdruck seines Willens aus Nichts Etwas, aus dem Tode Leben erschuf, zweitens durch sein Thun und Lassen den sündigen Menschen ein ganz neues Leben offenbarte, vor Allem durch sittliches, reinmenschliches Leben das Reich Gottes begründete und die ewigen Gesetze dieses Reiches öffentlich lehrte, drittens endlich, weil er Geist und Leben in die Erstorbenheit der äußern, besonders der religiösen Gebräuche zu bringen suchte und unverbesserliche Gebräuche unterließ, um anzuzeigen, das Reich Gottes gehe nicht von Werken des Gesetzes, sondern vom Geist der Wahrheit und Liebe aus.— Todtenerscheinungen sind das Ergebniß lebhafter Erinnerungen an Verstorbene, besonders an Solche, denen wir Unrecht gethan haben. Erinnerung und Besinnung können so lebhaft werden, daß wir die Bilder in uns in die wirklichen Gegenstände hineindenken. Weil Erinnerung und Besinnung nur theilweise von unserm Willen abhängen, sind Todtenerscheinungen "auch dann ein Werk Gottes, wenn sie von einer krankhaften Phantasie herkommen, denn Krankheiten sind ja auch Gottes Werk. Allein welche Einwirkungen Todtenerscheinungen auch in unserm Geiste hervorbringen, so haben sie doch keine zwingende Macht über unsern Willen!"—
Nachdem statt über Christi Auferstehung über Todtenerscheinungen belehrt worden, wird gezweifelt, ob die Erde zu einer bestimmten Zeit erschaffen wurde und gezeigt, daß die Welt kein Ende haben könne, weil Gott in ihr lebt. "Wie das Bild der Sonne in Millionen Tropfen glänzt und wir das Gemeinsame einer Gattung in allen Arten und Individuen wahrnehmen, so schauen wir Gott in allen Dingen."—Gottes Wesen offenbart sich in allen Wesen, alle haben Antheil daran und deßhalb ist auch jedes Einzelwesen unvergänglich, d. h. [">[Gottes Wesen offenbart sich in jedem einzelnen Geschöpfe durch unendliche Entwicklung desselben, wenngleich auf eigenthümliche Weise, doch ganz und ungetrübt."—Wir haben eine Entfaltung ins Unendliche, wobei unser Wesen fortbesteht, während die Gestalt sich fortwährend verwandelt. Der Mensch scheint vor der Geburt ein ganz anderer zu sein als nach derselben, auffallend ist der Unterschied in der Entwicklung des Menschen, ehe und wann er sprechen kann und "ähnlich wird der Mensch durch den Tod zu einem dem irdischen Dasein vollkommen entgegengesetzten Leben geboren."—Alle Geschöpfe nehmen an der Ewigkeit Gottes Antheil, insofern sie unsterblich sind d. h. ins Unendliche sich fortentwickeln.
—Das Christenthum will alles nicht von Gott Stammende zerstören und ist nicht gekommen den Frieden, sondern Entzweiung und Kampf mit der Selbstsucht zu bringen. "Es baut keine Altäre und Tempel aus Stein, kennt nur Einen Altar. Des Menschen Herz und sein Tempel ist dort, wo Menschen sind und einander Liebe erweisen."—Ich will es abermals Dir überlassen zu beurtheilen, ob durch eine solche Einleitung in die Religionslehre die künftigen Lehrer des katholischen Volkes für ihren Glauben und ihre Kirche begeistert wurden oder ob mein Vorwurf ein gerechter gewesen.
Daß der mündliche Unterricht minder abgemessen und vorsichtig mit Redensarten und Winken gewesen, versteht sich wohl selbst. Die Religionsstunde überzeugte uns davon, daß wir recht eigentlich kleine Götter, Bruchtheile des göttlichen Wesens seien und welchen Eindruck solche Erleuchtung auf Jünglinge machte, bei denen Ehrgeiz und Weltschmerz schon in Folge äußerer Lebensverhältnisse zum Grundton des Gemüthes werden mußten, ist keineswegs schwer abzusehen.
Wir bekamen Ideale, es ist wahr, doch wir bekamen sie auf Kosten unserer Zufriedenheit mit Gott, Welt und Menschen, weil keine christliche Weltanschauung uns mit der tiefen Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit versöhnte, kein lebendiger Glaube uns mit jener Ruhe und Geduld ausrüstete, mit welcher die unideellen Verhältnisse des Lebens der Völker und die des Lehrerstandes insbesondere hingenommen werden müssen.
Man machte uns zu Königen und Bettlern, Titanen und Zwergen zugleich und wenn beschränkte Köpfe und manche altkluge Jungen unter uns zu nüchternen Ehrenmännern, d.h. zu Philistern wurden, welche außer ihrem persönlichen Vortheil nichts Höheres kannten, so blieben gerade die fähigern Köpfe und feurigen Charaktere vielerlei Verirrungen am meisten ausgesetzt.
Soll ich Namen und Thatsachen bringen?