Bei Vertretern aller politischen Partheien und aller Stände hat es sich gezeigt, daß Wissen ohne Glauben leeres Scheinwissen, alles Gerede von Charakter ohne positive Religion eine Lüge des Hochmuthes sei. Wissen ohne Glauben und Sittlichkeit ohne Christenthum waren aber seit langer Zeit die Idole, welchen unsere Erziehungskünstler nachjagten!—
Doch ich will nicht in den Schulmeisterton verfallen, sondern Ihnen nur sagen, daß ich mehrere Jahre, bis mein Vater starb und äußere Verhältnisse mich in das Lehrerseminar trieben, an Gelehrtenschulen lebte.
Dieselben waren geeignet, gelehrte Handwerker, genußwüthige Nützlichkeitsmenschen oder Leute meiner Art heranzudressiren, nimmermehr jedoch ächte Leuchten und rechte Führer des Volkes zu erziehen. Keine ächten Leuchten, weil die wissenschaftliche und keine rechten Führer, weil die religiöse Erziehung mangelte.
Zunächst ein kurzes Wort vom gelehrten Handwerkerthum, alsdann ein längeres vom getauften Heidenthum der Pädagogien, Gymnasien und Lyzeen meiner naheliegenden Zeit.
Es haben Viele laut und längst sich verwundert, weßhalb aus unsern Schulen selten ein tüchtiger Mann hervorgeht, während es in einem Nachbarstaate von Dichtern, Philosophen, Historikern, Staatsmännern, Theologen und Andern wimmelte, welche hochberühmte Namen erwarben und doch lediglich die gelehrten Anstalten ihrer Heimath besuchten. Man hat den Grund darin gefunden, daß die ganze Erziehung bei uns darauf hinausläuft, Einen im Laufe von 12 bis 15 und mehr Jahren soweit zu bringen, daß er im Siebe des Staatsexamens hängen bleibt und gleichzeitig mit so unnöthigen und vielerlei Forderungen zu überladen, daß er alle Kraft nothwendig zersplittert und fast ebenso nothwendig im Examen durchfällt, wenn ihm nicht das Glück besonders lächelt.
Wer das Programm einer Gelehrtenschule zur Hand nimmt, staunt ob der Fülle von Kenntnissen, womit die Zöglinge vollgestopft und zur Hochschule entlassen werden und wer öffentlichen Prüfungen beiwohnt, ohne die Prüfungsdressur zu kennen, muß Länder selig preisen vor allen Ländern, für welche Diener des Staates und der Kirche von so umfassender Gelehrsamkeit und edler Begeisterung für alles Große und Schöne herangezogen werden, wie dies in manchen Gegenden der Fall zu sein scheint. In Wirklichkeit verhielt sich die Sache zu meiner Zeit ganz anders. Man hätte ruhig seinen Kopf darauf verwetten dürfen, daß von 100 angehenden Hochschülern keine 10 im Stande seien, nach 8-9jährigem Studiren ohne Beihülfe aller Art einen leichten lateinischen oder griechischen Schriftsteller ordentlich zu übersetzen, geschweige zu verstehen oder gar aus dem Zusammenhange mit seiner Zeit und seinem Volke zu erklären.
Sicher waren von 100 keine 5 aufzutreiben gewesen, welche Geschmack und Freude an ihren Quälgeistern, den Alten, gefunden und doch galten alte Sprachen von der ersten bis zur letzten Klasse als Hauptgegenstände des Unterrichts, auf welche am meisten Zeit und Mühe verwendet wurden.
Von mathematischen, geographischen, geschichtlichen oder naturwissenschaftlichen Kenntnissen war bei Einzelnen Manches hängen geblieben, doch die Mehrzahl hatte Grund genug, den Sokrates als Heiligen zu ehren, weil dieser die Weisheit in das Nichtswissen, somit in die starke Seite unserer geplagten Gelehrtenschüler, setzte.
Von philosophischer Vorbildung will ich schweigen. Ich meine nur, daß davon bei Leuten keine Rede sein konnte, welche von der Weltanschauung des Alterthums keine genügende Kenntniß und von der des Christenthums im besten Falle nicht mehr als eine ganz dunkle Ahnung besaßen.
Von der Unwissenheit vieler "Gebildeten" über Alles, was sich über und unter dem Monde befindet und nicht genau mit ihrem Handwerke zusammenhängt, sind Sie überzeugt oder haben doch Gelegenheit, sich jeden Abend das Licht hierüber in Museen, Kaffeehäusern, Weinschenken, Bierkneipen und andern Orten zu verschaffen.—