Die weitgehende Unwissenheit hängt enge mit dem hochmüthigen Heidenthum der Schulen meiner Zeit zusammen.
Wissen Sie, auf welche Weise ich zum erstenmal zum Tische des Herrn kam? Nicht an Ostern, sondern im hohen Sommer, nicht im feierlichen Gottesdienste, sondern in einer stillen, wenig besuchten Frühmesse und beinahe ohne allen Vorunterricht, so daß wir kaum eine Ahnung von der Bedeutung der uns abentheuerlich dünkenden Feier besaßen. Wir beichteten, aber unser liebster Beichtvater war ein Professor, der allgemeine Beichten nicht nur annahm sondern forderte. Drängten sich zu Viele um den Beichtstuhl dieses Kirchenlichtes, so pflegte ich einen Zettel zu entlehnen, worauf ein Anderer passende Sünden aufgezeichnet, las denselben ab und übergab ihn nach der Lossprechung meinem Nachbar.—Einer der besten unserer Religionslehrer schlief jahraus jahrein und überließ es uns, Lectionen aus dem Katechismus gemächlich herauszulesen. Wieviele von uns nicht einmal das Vaterunser, geschweige das katholische Glaubensbekenntniß oder gar die Gebote der Kirche ordentlich herzusagen wußten, dafür ließen sich Namen nennen, worunter der meinige nicht fehlte [Fußnote: Der meinige leider auch nicht. D.V.]
Wer wollte sich wundern, daß gerade der Religionsunterricht als der langweiligste und widerlichste Lehrgegenstand, das Kirchengehen besonders zur Winterszeit als das leidigste und unnützeste Geschäft erschien?
Die Klage, daß von Oben herab die Pflege des positiven Christenthums im mildesten Sinne nicht gefördert wurde, soll weniger durch die Unfähigkeit aller meiner Religionslehrer als durch den Umstand unterstützt werden, daß es an hochbelobten Lehrern wie an Schulbüchern nicht mangelte, welche uns die eigene Kirche verächtlich und lächerlich machten und unser Gemüth mit aufrichtigem Hasse gegen alles "Pfaffenthum" erfüllten.
Von Gewissen will ich aus gewissen Gründen schweigen, aber durchgehen Sie die gedruckten Programme unserer gelehrten Anstalten, um sich zu überzeugen, aus wievielen Schulbüchern wir alle Irrthümer und den Kirchenhaß des Protestantismus in uns aufnahmen. Daß nebenbei Bibliotheken der Anstalten und Professoren uns reichlich mit Hilfsmitteln der Aufklärung versorgten, versteht sich von selbst und daß Viele von uns Alles, nur nichts Gutes aus dem Kram der Leihbibliotheken schöpften, ist eben so begreiflich als verzeihlich.
Geistliche und weltliche Lehrer hatten genug zu schaffen gehabt, uns gegen den Einfluß einer durchaus unkatholischen Literatur und gegen die Gefahren der Jugend durch das Einpflanzen christlicher Gesinnungen zu schützen. Doch geschah von Allem das Gegentheil. Obwohl von Gott, Christus und Kirche manchmal die Rede war, so lernte man doch nur das zeit- und staatsmäßig zugeschnittene Christenthum meiner Mutter kennen und wurde mit einem nicht minder zeit- und staatsmäßigen Hasse und Mißtrauen gegen das positive und kirchliche Christenthum erfüllt.
Nicht Christenthum, sondern "Humanität" hieß bei uns die Loosung, reden wir also auch von ihr!—
Die Zeit, in welcher dem Jüngling sein natürlicher Zusammenhang mit dem Geschlechte offenbar wird, fällt mit derjenigen zusammen, in welcher er seinen geistigen und sittlichen Zusammenhang mit demselben mindestens ahnt, wenn auch seine Schulmeister sich als noch so elende Hebammen seines Wesens bewähren.
Der Mensch wird zum Herkules am Scheidewege. Ideale von Freundschaft, Vaterlandsliebe, Seelengröße und Tugend gehen ihm auf, und enger, inniger als bisher schließt er sich an Seinesgleichen an, um höhere Lebenszwecke als die bisherigen zu verfolgen. Jetzt bedarf er vor Allem der Führung der Religion oder doch der Leitung erfahrener Männer, die er achtet und liebt, denn diese Zeit ist nicht nur die schönste, sondern auch die gefährlichste des Lebens. Wie waren wir daran?
Die alltäglichen Redensarten eines gefeierten Humanisten klingen mir noch in den Ohren und ich gebe einige als Proben, mit welchem Takte dieser Mann 16 bis 20-jährige Vaterlandshoffnungen behandelte.